K.L.Diehl, Ackerstr. 4, 53179 Bonn - Seaman Ave, New York
Filmarchitektur: Das Cabinet des Dr.Caligari / 1
Von Robert Wiene wurde der Film "Das Cabinet des Dr.Caligari"
gedreht.
Er kam 1920 zur Erstauffuehrung und wurde ueberaus bekannt. Kracauer
behauptet, der Film gehe "auf persoenliche Erlebnisse der
Drehbuchautoren zurueck." (1) Das Drehbuch verfassten Carl Mayer und
Hans Janowitz. Ausloeser sei, laut Kracauer, ein Mord an einer Frau am
Holstenwall gewesen. Er sei 1913 geschehen, in der Nacht, in der
Janowitz dort einen Jahrmarkt aufsuchte. Anschliessend habe er sich mit
dem Mord beschaeftigt und sei sogar zur Beerdigung der Ermordeten
gegangen. Der Mitautor Carl Mayer wiederum haette waehrend des Krieges
Schikanen durch einen Amtspsychiater gehabt, der ihn wiederholt auf
Geisteskrankheit untersucht habe. (2)
Beiden sei es dann darum gegangen, die "Allmacht einer Staatsautoritaet
zu brandmarken". (3) Auch erfahren wir: Der Name "Caligari" sei
einem
der Briefe Stendhals entnommen. (4)
Vogt schildert den Inhalt des Films:
"Das "Cabinet des Dr.Caligari" gliedert sich in eine
Rahmenhandlung und
eine Binnengeschichte. Der erste Teil der erzaehlten Geschichte
berichtet von einer Mordserie in einer Kleinstadt, die ein fahrender
Jahrmarktkuenstler namens Caligari mit Hilfe eines "Somnambulen"
begeht.
Der zweite Teil der zentralen Handlung entlarvt diesen
Jahrmarktskuenstler als wahnsinnig gewordenen Direktor einer
Irrenanstalt, der mit seinem Patienten als Medium eine wissenschaftliche
Theorie nachpruefen will. Die abschliessend wieder aufgenommene
Rahmenhandlung kennzeichnet die zentrale Geschichte als Einbildung eines
Geisteskranken, den der von ihm beschuldigte Anstaltsleiter zu
"heilen"
beabsichtigt." (5)
Der Film fiel besonders durch seine Filmbauten auf, die Bezug zur
seelischen Stimmung der handelnden Personen im Film nahmen. Sie sind
expressionistisch:
"Nicht der Film ist expressionistisch, sondern seine Aufmachung, seine
Architektur und
Dekoration". (6)
Martin Broskauer reflektiert den Film im Filmkurier so:
"In diesem Film ist alles von der Banalitaet des Alltags losgeloest.
Strassen und Plaetze, Mauern und Stuben, Dachfenster und Stuehle
erscheinen in einer besonderen Form betont, seltsam bedeutungsvoll und
wichtig. /./ Dachfenster haben spitze, verzerrte Winkel. Daecher
ueberschneiden sich in scharfen Linien, und wir fuehlen (ohne dass es
uns gesagt wird), dass dahinter der Absturz droht. Von diesem Film an
wird eine Wende kuenstlerischer Filmauffassung datieren." (7) Und so war
es dann auch.
Die Filmsets lohnen der genaueren Betrachtung:
"Strassen kruemmen sich, fallen scheinbar aufeinander, die Dumpfheit,
enge, das Verwittern der kleinen Stadt ist auf den Nerv getroffen." (8)
Oder Eisner:
"Wie ein Alpdrucktraum verdichten sich ueberall Schrecken, Grauen vor
kuenftigen Geschehnissen." (9)
Es geschieht jegliche Handlung in Raeumen, deren staedtisch gepraegte
Gegenstaende wie animiert, d.h. belebt, erscheinen. Sie sind Seelengut
der handelnden Personen im Film. Vogt zitiert treffend eine Zeile aus
dem Gedicht "Punkt" von Alfred Lichtenstein:
"Die Welt faellt um. Die Augen stuerzen ein." (10)
Alle Bauten erweisen sich als Sinnestaeuschungen, da "die Perspektiven
alles verzerren, wo den Menschen und auch dem Zuschauer mittels dieser
Projektionen der Verstoerung so-und-so-viele Fallen gestellt werden."
(11)
Eine ganze Epoche ist nach dieser Art des Filmemachens benannt: der
Caligarismus.
Karl-Ludwig Diehl
Anmerkungen: (auf Nachfrage)
--
Immer auf dem aktuellen Stand mit den Newsgroups von freenet.de:
http://newsgroups.freenet.de
Filmarchitektur: Das Cabinet des Dr.Caligari / 1
2004-03-03 23:29:50