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Buehnenbild: Pablo Picasso / 1

Buehnenbild: Pablo Picasso / 1

Karl-Ludwig Diehl
2004-04-04 20:04:28

K.L.Diehl, Ackerstr. 4, 53179 Bonn - Seaman Ave, New York

Buehnenbild: Pablo Picasso / 1

Am 18.Mai 1917, also waehrend des 1.Welktkrieges, wurde im Theatre du
Chatelet in Paris das Stueck "Parade" durch das Ballett Russe
aufgefuehrt. Jean Cocteau schrieb den Text fuer die Handlung des
Balletts, die Musik wurde von Eric Satie beigesteuert, der Taenzer
Leonide Massine leitete die Choreographie. Diaghilev hatte Pablo Picasso
fuer die Gestaltung des Buehnenvorhangs, des Buehnenbildes und der
Kostueme gewinnen koennen. Er nahm auch Einfluss auf die endgueltige
Fassung der Handlung. (1)

Bei der Erstauffuehrung kam es zu einem Eklat:
"Das distinguierte Premierenpublikum fuehlt sich verhoehnt, brueskiert,
ist schockiert, reagiert mit lautstarken Protestrufen und setzt zu
taetlichen Angriffen auf die Produzenten an." (2)
Wir erfahren auch warum:
"Die aufgebrachten Zuschauer fuehlen sich in ihren Erwartungen betrogen.
Anstelle einer gepflegten, stilvollen Vorstellung der bekannten Ballets
Russes wird dem Publikum "alberner", "vulgaerer Unsinn" zugemutet, der
seiner Meinung nach in die gemeine Music hall gehoert." (3)
Sogar der woertliche kommentar eines einzelnen Zuschauers ist durch
Cocteau ueberliefert:
"Wenn ich gewusst haette, dass das so dumm ist, haette ich die Kinder
mitgebracht." (4)

Was war passiert?

Das Publikum sah zunaechst zu den Klaengen der Ouvertuere, die als
"beruhigend fugale Klaenge" beschrieben werden (5), auf den von Picasso
entworfenen Buehnenvorhang, der offensichtlich als "bezaubernd
dekorativ" empfunden wurde. (6) Mit dem Vorhang wurde, laut D.Axom, das
Stueck "Parade" "als eine von ihren Schoepfern durchdrungene
kuenstlerische Illusion" angekuendigt. (7)
Zugleich wurde damit angezeigt, dass es sich letztendlich um eine
Vorstellung im Inneren einer Jahrmarktsbude handelt. Gemeint war damit
die Buehne des Theatre du Chatelet, auf der sich allerdings ebenfalls
eine Jahrmarktsbude befand.

War bis zur Oeffnung des Vorhangs im Saal fuer die Zuschauer eine
"heitere Atmosphaere" erzeugt worden, gab sich die Musik ploetzlich
voellig anders. Die Zuschauer sahen ausserdem in eine "zentral plazierte
Schaubude", die "zu beiden Seiten von duesteren, riesigen Hochhaeusern
und zwei perspektivisch gegenlaeufig gerichteten Gelaendern flankiert"
war. Hinter der Schaubude "ragte ein schwarzes, etwas schiefes Haus"
hervor. Es hatte helle, durch Kreuze geteilte Fenster. Innerhalb dieses
Panoramas erschien die Jahrmarktsbude "wie ein Kinderspielzeug". Der
Blick ging ins Innere dieser Bude, deren Eingang seltsam perspektivisch
verzerrt war. Waehrend die Augen der Zuschauer sich die Szene langsam
erschlossen, gab es laermende Geraeuschmusik. (8)

Das Buehnenbild laesst sich heute nur noch durch ein Foto sichtbar
machen. Originale Teile davon sind nicht mehr erhalten. Es wurde spaeter
versucht, durch Befragungen das Buehnenbild zu rekonstruieren. Das
verwundert nicht, denn Picasso wurde durch seine Mitarbeit bei den
Ballets Russes als Kuenstler sehr bekannt. Vor allen Dingen die
Farbgebung des Buehnenbildes war unklar. Aber auch der raeumliche Aufbau
der Bauteile des Buehnenbildes konnte nur mehr erahnt werden.

Der Titel des Stueckes lautet "Parade". "Parade" wiederum "ist die
Bezeichnung fuer die Darbietungen einer Schaustellergruppe auf der
Strasse vor ihrer Jahrmarktbude, die zum Ziel hat, die Aufmerksamkeit
der Passanten auf sich zu ziehen, um sie zum Besuch der richtigen
Vorstellung zu animieren." (9) Der Witz der Buehnenfassung ist also der,
dass die Zuschauer vor der Buehne sich wie vor einer Jahrmarktsbude
befinden, wobei es auf der Buehne wiederum Zuschauer gibt, die sich vor
einer Jahrmarktsbude befinden. Nun gehoerte aber der Besucher eines
renommierten Theaters nicht zur ueblichen Besuchergruppe einer
Schaubude. Das Arrangement war also gewagt und der Eklat vorprogrammiert.

Cocteau strukturierte seine Idee so, dass ein chinesischer Zauberer, ein
amerikanisches Maedchen und ein Akrobat Kostproben aus ihrem Repertoire
geben, um das "Publikum" auf der Buehne fuer die Vorstellung in der
Jahrmarktsbude zu gewinnen. Das "Publikum" auf der Buehne reagiert
jedoch unerwartet anders, als es die drei Manager der Schaubude
erwarten, waehrend sie ihre Sensationen ankuendigen. Denn das "Publikum"
amusiert sich koestlich an den Darbietungen waehrend der Parade,
zerstreut sich dann aber wieder. Zurueck bleiben die Artisten voellig
demoralisiert und die Manager sind ratlos. (10)

Die Kombination aus chinesischem Zauberer und amerikanischem Maedchen
neben dem Akrobaten als Sensationen hatte den Sinn, den Prozess der
"Weltschrumpfung" zu verdeutlichen. War der Chinese Symbol der
oestlichen Welt, so war das amerikanische Maedchen Hinweis auf die
westliche Hemisphaere. Das Maedchen sollte die "kritiklose Orientierung
am romantischen Mythos Amerika" zum Ausdruck bringen, und das Motiv
reflektierte ausserdem den starken Einfluss der amerikanischen
Filmindustrie waehrend des 1.Weltkrieges in Europa, als die Europaeer
ueber keine eigenstaendigen Moeglichkeiten mehr verfuegten. (11)

Der Musiker Satie nutzte zur musikalischen Begleitung eine subtile
Verwendung der Motive "des Jazz und Ragtime", dazu mixte er "Melodien
populaerer Gassenhauer", ausserdem "Schlager" in seine Partitur.
Auftritte der einzelnen Figuren wurden musikalisch deutlich
charakterisiert. Der Zauberer erhielt als Geraeuschkulisse eine Hupe,
das amerikanische Girl war durch Trommeln und Pfeifen herausgehoben, und
den Artisten umrahmte Schlagzeug, Becken und Revolverschuss. Das und
vieles andere wird die meisten Theaterbesucher sehr schockiert haben.
(12)

Von den Buehnenkostuemen, die Picasso entwarf, seien die der Manager der
Schaubude herausgehoben. Sie gelten als "der aufregendste szenische
Beitrag Picassos zur Parade" (13) und stellen "die ersten
vollpalstischen, kubistischen, figuralen Skulpturen in Picassos Oeuvre
dar". (14)
Picasso hat bei diesen Kostuemen der Manager sein Verfahren der Collage,
das bereits zur kubistischen Assemblage entwickelt war und schon zu
Reliefkonstruktionen gefuehrt hatte, noch deutlicher in die dritte
Dimension gebracht:
"Ein immer komplexeres Gebilde aus ineinandergeschachtelten Flaechen
umbaut die Traegerfigur. Gesicht, Hut, Anzug- und Koerperteile werden zu
abstrakten Formen schematisiert und neu organisiert." (15)
Verwendet wurden "Blech, Pappe, Holzbretter und Pappmache", um die bis
etwa drei Meter hohen, turmartigen Kostueme herzustellen. (16) "Auf dem
Ruecken" des sogenannten Franzoesischen Managers "lasten die fuer einen
Pariser Boulevard typischen Alleebaeume" und der Amerikanische Manager
"haelt in den Haenden der steifen Pappmache-Arme ein Megaphon" und "die
stilisierten Wolkenkratzer auf seinem Ruecken". (17) Dies nur als zwei
Exempel.

Picasso, der bis zur Zusammenarbeit mit den Ballets Russes unbekannt war
und in tiefer Armut lebte, kam durch die Theaterarbeit mit Diaghilev zu
Wohlstand und Ansehen. Er konnte sich in Paris in einer guten Wohngegend
eine grosse Wohnung leisten, wo er mit seiner Frau Olga, die er nach dem
Tode seiner ersten Frau bei Balletproben des Ballet Russe in Italien
kennengelernt hatte, ein angenehmeres Leben fuehren. Seine
Zusammenarbeit mit dem Theater setzte sich fort.
Karl-Ludwig Diehl

Anmerkungen: (liegen beim Autor)
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