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Filmarchitektur: Rene Clair / 1

Filmarchitektur: Rene Clair / 1

Karl-Ludwig Diehl
2004-04-24 17:10:20

K.L.Diehl, Ackerstr. 4, 53179 Bonn - Seaman Ave, New York

Filmarchitektur: Rene Clair / 1

Rene Clair, ein bekannter Filmregisseur der franzoesischen
Stummfilmaera, hat die Zeit des Films von 1920 bis 1950 in einem kleinen
Buechlein "Vom Stummfilm zum Tonfilm" zusammengefasst und beschreibt
darin auch sein Verhaeltnis zur Filmarchitektur. Er mochte die teuren
Ausstattungsfilme nicht, deren Filmarchitektur ungeheure Summen
verschlang, die wiederum die Presse beeindruckten. Aergerlich
formulierte er 1927:

"Den letzten Rekord schien Metropolis zu halten, ein deutscher
Ausstattungsfilm mit einem Marktwert von fuenf bis sechs Millionen
Goldmark. Amerika liess das nicht lange auf sich sitzen und beglueckte
uns mit Ben Hur und betaeubenderen Ziffern: hundertfuenfzig Millionen in
unserer Waehrung." (1)
Die Auswirkung schildert er so:
"Die Presse ist entzueckt. Wenn die Leinwand mit ueppigen Gipsstaffagen
und geschminktem roemischen Plebs gefuellt ist, meint sie die wahre
Groessse des Films zu erleben und haelt die Schoepfer solcher Unika, die
zum Teil recht begabt sind, fuer begnadete Kuenstler." (2)
Er zieht daraus den Schluss:
"Der Film stirbt am Geld."
Und weswegen?
"Denn unsere Kunst in Monstreschoepfungen kulminieren zu lassen und die
Menge an protzige Spektakel zu gewoehnen, bedeutet nichts anderes als
Selbstmord." (3)
Er sieht die Freiheit der Kunst bedroht:
"Denn je mehr wir die Geldleute brauchen, desto mehr buessen wir von
unserer Unabhaengigkeit ein." (4)

Das Buch von Rene Clair enthaelt auch kurze Passagen darueber, wie Film
entsteht. Das gibt etwas Einblick in das damalige Filmschaffen:
"Das Produktionsdrehbuch enthaelt eine Anzahl Nummern, die den
Handlungsepisoden entsprechen, die ja bekanntlich nicht in der
endgueltigen Reihenfolge gedreht werden, sondern wie es der Kulissenbau
erfordert." (5)
Ueber die Drehorte erfahren wir einiges:
"Gedreht wird im Atelier, im Freien und im kuenstlichen Exterieur. Das
Atelier ist eine grosse Halle (100 auf 50m und darueber), die die
Tonkabine beherbergt und in der rings an den Waenden die
Beleuchtungsgalerie laeuft. Hier entstehen die Filmkulissen." (6)

Zu den Filmsets sagt er:
"Nach vorheriger Anfertigung von Modellen und im Einvernehmen mit dem
Regisseur fuehrt der Filmbildner die im Drehbuch vorgesehenen
Dekorationen aus. Unter ihm arbeitet eine Armee von Handwerkern:
Maschinisten, Schreiner, Maler, Tapezierer, Schlosser, usw. Damit seine
Bauten und die Beleuchtung uebereinstimmen, bespricht er sich dauernd
mit dem Kameramann." (7)

Zum Tagespensum fuer das Drehen des Films rechnet er vor:
"Bei einer Drehdauer von dreissig Tagen und einer Projektionsdauer von
anderthalb Stunden ergibt ein Drehtag durchschnittlich drei Minuten
gueltigen Films." (8)

Das formulierte er in dem Text, der 1952 als Buch herausgegeben wurde,
nicht als Zitat aelterer Aufsaetze von ihm, sondern als Zeitdokument der
spaeten 1940er und 1950er Jahre. Interessant sind die Probleme, welche
der Uebergang vom Stummfilm zum Tonfilm bereitete. Auch Rene Clair litt
sehr an diesem Umstellungsprozess.
Anekdoten lassen andererseits erkennen, welchen Spass es bereitete, wenn
durch gute Organisation wichtige Ausstattungsstuecke fuer einen Film
ergattert werden konnten. Als eine Art "Drehbuchfragment" beschreibt er
ein solches Ereignis:
"Ueber die gluehende Landschaft schaukelt ein mit Tischen und Stuehlen
hoch beladenes Fuhrwerk, auf dem zuoberst ein fideler Bursche mit
Baskenmuetze thront. Er schwankt auf seinem Thron hin und her, nicht aus
Uebermut, sondern weil er das Mobiliar durch sein Gewicht in Balance
halten muss. Beim Einzug des jungen Mannes in die Studios von Carras
(Californie) entringen sich der herbeieilenden Volksmenge, bestehend
aus einem Beleuchter, einem Maschinisten und meiner Wenigkeit, Ausrufe
der Bewunderung." (9)
Was war passiert?
"An jenem Tage hatte Florey das Inventar eines Kinosaales, dessen wir
unbedingt bedurften, organisiert und brachte seine Beute staub- und
ruhmbedeckt nach Hause. Aus irgendwelchen Gruenden galt das Kapern
dieser Moebel als besonderes Glanzstueck, von den im Atelier noch lange
die Rede war." (10)

Die Ateliers in Carras lagen in Californie, das ist ein Vorort von
Nizza. Florey ging bald darauf ins wirkliche Kalifornien, nach
Hollywood, wo sein Organisationstalent gebraucht wurde. Dort hat ihn
Rene Clair besucht. Sein alter Freund aus den Tagen in Nizza kutschierte
ihn
"Ueber namenlose Pfade auf verlassenen Terrains, wo einige Schuppen ins
Blaue ragen, letzte Zeugen der einstigen Filmstadt, deren sich die
heutige ebenso ungern entsinnt wie erfolgreiche Kurtisanen ihrer
entbehrungsreichen Vergangenheit." (11)

Was Rene Clair bei seinem Besuch in Hollywood nicht sah, dazu sagt er:
"Die grossen, modernen Studios, solide weisse Bauten wie New Yorker
Bankhaeuser und die riesigen Gelaende wie Detroiter Fabrikareale, bekam
ich nicht zu sehen." (12)
Zu dieser Zeit war Florey bereits "ein Vierteljahrhundert Filmpionier in
der Neuen Welt" und Rene Clair ein alter Mann, dem bei den historischen
Kulissen des untergegangenen Hollywood "keine Witze ueber die Lippen
kommen" (13), zu sehr musste er an seine eigene Zeit als Filmpionier
denken. Fuer Rene Clair, der die heroische Phase des Films
mitgestaltete, war "das Prestige dieser Experimentierbuehne"
dahingegangen. Sentimental konstatiert er in dem Buch:
"Das Wort Film besitzt fuer die heutige Jugend nicht mehr den
Zauberklang, den es nach dem Ersten Weltkrieg hatte." (14) Das sind
natuerlich Worte eines sehr betagten Filmschaffenden, der auf eine ganze
Epoche zurueckblickt.
Karl-Ludwig Diehl

Anmerkungen: (liegen beim Autor)
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