Hallo,
auf der Grossen Elbinsel zwischen Norder- und Suederelbe tut sich viel.
Wo noch vor Monaten entrostet wurde, duempeln nun frischgestrichene
Schiffe und Pontons vor einem Hallenkopfbau im Hansahafen. Museum der
Arbeit nennt sich der Vorgang. Waehrend die einen witzeln: "Frueher
gabs mal Arbeit. Jetzt gibt es sie nur noch im Museum", ueberlegen
sich die anderen, ob sie das Geld zusammenkriegen fuer die
Eintrittskarte, nach der Devise: "Arbeit, was ist das denn? Das muessen
wir uns ansehen!" Ich hatte leider keine Zeit dazu, sondern war mit
einem bedeutenden SPD-Politiker der Veddel auf dem Weg zur heiligen
Halle des 50er Schuppens. Er war Augenzeuge des Geschehens der
Entwurfswerkstatt des Hamburger Architektursommers und somit eine
sprudelnde Quelle der Oral History dieses Events im grossen Saal. Dort,
Ueberraschung, waren die Arbeitsergebnisse der Entwurfswerkstatt zu
sehen. Mich interessierte hauptsaechlich ein Thema: der Kleine Grasbrook
und was daraus werden soll.
Hamburger Beruehmtheiten nebst einem bedeutenden Mann aus Shanghai
sollen grossartige Dinge vollbracht haben, sagte man mir, nun der
Beurteilung preisgegeben. Das musste ich mir anschauen. Architekt
Teherani mit seinem Team hatte einen Brueckenschlag ueber die Elbe
gewagt, der unbezahlbar ist, wie unweit von mir der Oberbaudirektor
einem Schwarm von Journalisten/innen erklaerte. Ich machte mir selbst
ein Bild und entdeckte als Baumodell neben der "Ponte Vecchio"
Hamburgs
ueber die Norderelbe eine Phallusreihe an beiden Ufern der Norderelbe
entlang, also Highlights als leicht schraeg aufgestellte Hochhaeuser. In
meinen Augen wirkten sie wie ein Abgesang auf den alten Hafen. Mit
anderen Worten: ein Trauerspiel.
Architekt Gerkans Team hatte sich erkuehnt, die zugeschuetteten
Hafenbecken wieder freizulegen, um sie anschliessend zu
"renaturieren",
d.h. wieder zuzuschuetten. Sehr originell. Neben den Wassergruenanlagen
sah ich monotone Reihen immer derselben Blocks gleicher Bauart auf den
Landzungen. Das einschneidende Erlebnis: Punkthochhaeuser am Veddeler
Damm entlang, ein altes Baurezept der Nachkriegszeit in Deutschland, um
die Monotonie etwas aufzulockern und zu steigern. Dadurch, so der
Oberbaudirektor, erhielte das alte Hafengebiet durch seine neue Bebauung
eine Rahmung und waere so etwas wie Vorland vor den Turmbauten. Dass der
Stadtteil Wilhelmsburg so wieder Hinterhof wird, erwaehnte er nicht, ist
aber leicht zu erschliessen.
All das machte aus diesem Entwurf keinen Leckerbissen, wie man selbst
dem Gesicht des Oberbaudirektors ansah.
Ein anderes Team hatte offensichtlich am Planer-PC den Kopierbottom
oefter gedrueckt und die Bebauungsstruktur der Hafencity in das
Planungsgebiet des Kleinen Grasbrook uebertragen. Wegen dieser
Peinlichkeit verschweige ich lieber die Namen. So war ich dann froh, als
ich alles gesehen hatte, und sagte mir, all das laesst sich ohne Muehe
besser machen, und goutierte danach die uebrigen Ausarbeitungen.
Die Idee der Autofahrerbegruessungsanlage auf der Elbinsel war
ersichtlich ein preiswerter Leckerbissen, wohl von den Hamburger
Presseorganen bereits heftig propagiert, und erzwingt vor allen Dingen
sehr langsames Fahren auf diesem Autobahnabschnitt, was ja kein Nachteil
sein kann. Ob jemand nach Wilhelmsburg abbiegen will, haengt dann wieder
von der Qualitaet der Grossen Elbinsel ab. Heimatmuseum und
Windmuehlenverein sind noch zu wenig. Wenn nun Museum der Arbeit und
Auswandererhallen-Museum dazukommen, wird das auch nicht ausreichen. Als
Blumeninsel zieht sie demnaechst sehr viele Menschen an. Auf diesem Weg
ist die Elbinsel. Aber bis es soweit ist, dauert es noch 10 Jahre. Und
derweil fliesst sehr viel Wasser die Elben runter.
Karl-Ludwig Diehl
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HH: Kleiner Grasbrook
2003-08-08 11:23:35