K.L.Diehl, Ackerstr. 4, 53179 Bonn - Seaman Ave, New York
Filmarchitektur: Hollywood / 1
Der Film brachte schon sehr frueh einzelnen Darstellern Ruhm. Nicht nur
die Filmrolle, auch die Art, wie Schauspieler und Schauspielerinnen
gekleidet waren, wie sie sich gaben und durch die Orte und Handlungen,
die im Film eine Rolle spielten, durch das Licht, in das sie getaucht
waren, wenn sie gefilmt wurden, all das machte sie zum Star. Das
Traumhafte, das sie umgab, elektrisierte die Zuschauer. Die Ausstattung
hatte grossen Anteil an der Wirkung, die von den Menschen ausgeht. Der
Film, wenn er Erfolg haben wollte, musste sich bald danach richten,
welche Stars gesehen werden wollten, und diese waren in aufwendiger
Umgebung zu praesentieren. Den visuellen Glanz, den die Filmindustrie
aufbot und aufbietet, ergab und ergibt sich durch
"die besonderen Bauten, die Orte und Schauplaetze schmuecken;
die besondere Ausstattung, die diesen Bauten ihre ornamentale Pracht
verleiht, innen wie aussen;
die besonderen Dinge, die Raeume und Personen schmuecken;
und, selbstverstaendlich, die besonderen Arrangements um die Stars herum
- mit Kamera, Kostuemen und licht, die das Glamouroese betonen",
schreibt N.Grob. (1)
In den 1920er Jahren kulminierte der Starrummel rund um die Person des
Rudolph Valentino. Der erste Fanclub gruendete sich, und die Zeitungen
zerrten fast jedes Ereignis seines Privatlebens an die Oeffentlichkeit.
So etwas hatte es zuvor noch nicht gegeben. Als er verstarb, blockierten
seine Fans, "Frauen jeden Alters" die Strassen.
Die Traumfabriken, wie Paramount oder MGM, aber die anderen versuchten
es genauso, reflektierten dieses Ereignis eingehend und ueberlegten sich
Strategien, wie sie neue Stars aufbauen konnten. Paramount, die
Filmgesellschaft, bei der Rudolph Valentino der Star gewesen war, hatte
Marlene Dietrich, Mae West, Gary Cooper und Bing Crosbyin ihren Reihen
und galt als elegante Welt. Man zeigte den Alltag als Maskenball. (2) Es
war "Kino mit doppeltem Boden" (3), denn "niemand ist wirklich,
wer er
zu sein scheint" in "der glitzernden Welt", die Paramount
vorgaukelte.
(4)
Glamour zu schaffen, war Grundhaltung bei Paramount geworden. Eine
wichtige Rolle in den 1930er und 1940er Jahren hatten dabei Travis
Banton und Edith Head, welche die Mode fuer die Stars entwickelten.
Diese schoene Modewelt verzauberte, und passend zu diesem Lebensgefuehl,
das diese Mode im Film erzeugte, hatten "Kameraleute, Architekten,
Ausstatter, Musiker" eine glamouroese Welt zu erschaffen. Glamour, so
sagte Travis Banton, "heisst, provozierend, aufreizend, betoerend,
faszinierend, bezaubernd zu sein." (5)
Edith Head beschreibt die Welt bei Paramount:
"Paramount war das Symbol fuer die elegante Salonkomoedie: huebsch,
charmant, geistreich." (6) Sie sagt auch, fuer welches Publikum gefilmt
wurde:
"Es gab damals etwas, was man ein Frauen-Publikum nannte. Sie standen
bei den Mittagsvorstellungen Schlange, um zu sehen, was die grossen
Stars trugen." (7) Und:
"Ein Paramount-Film aus dieser Zeit war gleichbedeutend mit Luxus,
Schoenheit, schoenen Dekorationen, unwirklichen, aufregenden Geschichten
und natuerlich grossen Kostuemen." (8)
Zur Filmarchitektur wird gesagt:
"Elemente des Paramount-Glamours /./ sind erlesene Schauplaetze,
exquisite Ausstattung././ Bei Paramount ging alles geschmackvoll
vonstatten, sauber und luxurioes. Das Graue des Alltags blieb aussen
vor." (9) Denn: "Den Zuschauern soll doch der Atem stocken."
(10)
Dazu passte, dass Adolphe Zukor, der Paramount aufgebaut hatte, zuvor im
Pelzhandel, der Glitzerbranche der Modewelt, sein erstes Geld angehaeuft
hatte, danach eine Kinokette aufbaute und 1925 Paramount Pictures aus
den Famous Players heraus entwickelt hatte. Ihm lag diese Welt des
"Studio der Gentlemen" (Ray Milland).
Bei MGM war alles "noch glamouroeser, noch extravaganter, noch reicher
in den Details". (11)
Der MGM sagt man nach:
"Wenn es je ein Studio der Stars gab, das buchstaeblich alles nach den
Erfordernissen ihrer Darsteller richtete: nicht nur Innenarchitektur und
Ausstattung, sondern auch Buch und Regie, dann MGM." (12)
Um eine solche glanzvolle Welt zu erzeugen, brauchte es ein
"Produktionsgenie", und das hatte MGM:
"Man bekam alles, was man haben wollte: Miniaturen, Trickaufnahmen,
gemalte Hintergruende." (13) Als dieses "Produktionsgenie" galt
Irving
Thalberg. Die Regisseure schwaermten von ihm und seiner Perfektion, wenn
er eine Sache in die Hand nahm. Daneben fiel Louis B.Mayer auf, "der
fuer die Reinheit des Maerchenlandes sorgte". (14)
Man gab sich so rein und perfekt wie die Titelbilder von Vogue, usw.
Alles war sauber und schoen, eine perfekt inszenierte Welt des schoenen
Scheins. Von Mayer ist diese Erinnerung ueberliefert:
"Ich glaube nicht, dass im gesamten MGM-Fundus auch nur ein einziges
Klosett zu finden war. Badezimmer bestanden nur aus Wanne und
Waschbecken." (15) Denn das, was im Film zu sehen war, musste ein
Maerchenland bleiben.
Zum mystischen Prunk der Ausstattung und Architektur kamen die Stars,
goettliche Gestalten, die als "Transzendierung des Alltaeglichen"
fleckenlose und gleichbleibende Gestalten zu sein hatten, oder wie
Parker Tylor es nannte, sie hatten ein "Ausbund eines individuellen
Exotismus" darzustellen, dem die Zuschauer verfielen.
Die "Macht des Kino-Schoenen" hatte die Zuschauer "mit
unwiderstehlicher
Gewalt" aus ihrem Alltag zu reissen. Wichtiger Teil dieses Kino-Schoenen
war also luxurioese Filmarchitektur als glamouroese Umgebung der
Schauspieler, welche dazu beizutragen hatte, dass die Menschen ins Kino
gingen, der Film ein Erfolg wurde und mit den Einnahmen neue Filme
gedreht werden konnten.
Karl-Ludwig Diehl
Anmerkungen: (liegen beim Autor)
--
Immer auf dem aktuellen Stand mit den Newsgroups von freenet.de:
http://newsgroups.freenet.de
Filmarchitektur: Hollywood / 1
2004-04-25 19:18:08