Karl-Ludwig Diehl, Ackerstrasse 4, 53179 Bonn
Architektur und Sprache / 3
Hallo,
als man anfing, alle Kulturphaenomene und damit auch Architektur als
Sprache zu untersuchen, ergaben sich rasch Probleme. Umberto Eco
schreibt:
"gegenueber der Existenz von Bedeutungsbloecken - wie sie die ikonischen
Bilder darstellen - hat man zwei entgegengesetzte Entscheidungen
gefaellt: entweder man negiert deren Zeichencharakter, weil sie als
nicht-analysierbar erscheinen, oder man sucht darin auf Biegen und
Brechen irgendeine Art von Gliederung, die der Gliederung der Sprache
entsprechen soll." (1)
Es wird schon erkennbar, dass sich die Sprachwissenschaftler sehr
quaelen mussten, brauchbare Wege zu finden, Architektur als Sprache
auszuwerten. Und zur Warnung formuliert Umberto Eco:
"dass man sich nicht vom Mythos der Sprache als Modell beherrschen
lassen darf". (2)
Denn "die ikonische Welt" (3) funktioniert anders, und diese
Bilderwelten "waeren alle identifizierbar, wenn sie sich nicht mit
solcher Schnelligkeit von Botschaft zu Botschaft umstrukturierten" (4),
woraus sich fuer Umberto Eco ergibt:
"folglich ist die Unmoeglichkeit, sie zu erkennen und zu beschreiben,
nicht theoretischer, sondern praktischer Natur." (5)
In der Architektur loest ein Baustil den anderen ab, und jeder Architekt
bemueht sich um seine eigene Aussage, die ihn von anderen Architekten
unterscheidet. Die "Bilder"flut, die sich dadurch ergibt, erlaubt,
z.B.
Baugeschichtlern, nur die Analyse einiger weniger Bauten, um an ihnen
aufzuzeigen, welche Architekturstroemungen aufgekommen sind und wieder
vergehen und was sich in ihnen ausdrueckt. Solche Stroemungen existieren
neben- und nacheinander.
Daraus folgt, der Semiotik haften grosse Maengel an, die es ihr nicht
erlauben, das zu leisten, was Baugeschichtler mit ihrer Ikonologie
bewerkstelligen koennen. Sie muss sich zudem auf den kommunikativen
Charakter bei ihren Auswertungen beschraenken. Wie will sie das machen,
da doch Architekturen unterschiedlichster Epochen zugleich in einer
Stadt vorhanden sind, die alle die Stadtbewohner irgendwie ansprechen.
Die Ikonologie dagegen kann in aller Ruhe Bildgut betrachten und
auswerten, um baugeschichtliche Prozesse und Zusammenhaenge zu
erschliessen. Die Bild- und Architekturbetrachtung, die sehr langwierig
ist, erschliesst also etwas Anderes als diese Sprachwissenschaft, die
nur erhellen will, dass kommuniziert wird und Mechanismen blossleben
will.
Wozu kann dann die Semiotik fuer den Architekten nuetzlich sein?
Diese Frage steht im Raum, ohne dass sie vollstaendig beantwortet werden
kann. Am sinnvollsten erscheint mir die Beschaeftigung mit der Semiotik
fuer den Architekten, um Entwurfskriterien und -verfahren daraus
abzuleiten, da ja die Semiotik den zuletzt toetlichen Zustand des
Bewusstseins von einer rein funktionalen Architektur ueberwunden hat,
indem sie darauf verwies, dass Architektur Sprache ist und neben der
technischen Funktionserfuellung noch andere Aufgaben hat.
Ein Architekt, der durch seine Architektur sprechen will, muss diese
Sprache gelernt haben, um sich bewusst damit ausdruecken zu koennen. Es
leuchtet ein, zu sagen, es gibt viele Moeglichkeiten durch Architektur
zu sprechen. Aber es gibt keine Gewissheit darin, ob der Betrachter von
Architektur so erreicht wird, wie sich der Architekt das denkt.
Trotzdem: Der Wahl der Mittel zum Zwecke des Sprechens durch Architektur
entkommt der Architekt nicht. Wenn er klug ist, schafft er sich eine
Sprache, die sehr gut durchdacht ist und in allen Einzelheiten genau
begruendet ist. Diese Begruendungen sollten nachlesbar sein, um sie
auswerten zu koennen. Sie bilden dann eine Architekturtheorie, nach der
sich die Architektur ausformuliert. Dass sich diese Architekturtheorie
dynamisch entwickelt und sich das dazu gehoerige Formengut der
Architektursprache ebenso weiterentwickelt, laesst sich dokumentieren
und wird dadurch verwertbar. Enthalten sein muessen in dieser
Architekturtheorie Hinweise, ob Ideen und Formengut uebernommen wurden,
wenn das geschah, genauso wie deutlich herausgearbeitet werden muss, was
der eigene Beitrag ist, der zur eigenen Architektur fuehrte. Eine solche
Architekturtheorie kann also auch redlich und wissenschaftlich abgefasst
sein und muss nicht ausschliesslich ein Manifest oder ein poetisches
Werk sein.
Der Stellenwert eines Architekten innerhalb irgendeiner Zeitstroemung
laesst sich anhand dieser Dokumente wesentlich einfacher erhellen, als
wenn diese grundsaetzlich notwendigen Vorarbeiten und das Werk
begleitenden Durcharbeitungen nicht vorliegen. Daselbe gilt fuer den
Bauingenieur, der Ingenieurbauten strukturiert und erbauen laesst. Es
liegt aber an der Qualitaet der Architektur selbst, ob sich der Aufwand
fuer den Baugeschichtler lohnt, sie dezidiert zu bearbeiten.
Architektur, die baugeschichtlich nicht bearbeitet ist, spricht zwar,
aber von ihr ist zu wenig bekannt, um zu wissen, was sie eigentlich
aussagen will.
Gruesse
K.L.Diehl
Anmerkungen:
(1) Umberto Eco: Einfuehrung in die Semiotik. Muenchen, 1972. S.231
(2) U.Eco... S.240
(3) - (5) U.Eco... S.245
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Architektur und Sprache / 3
2003-08-30 14:12:54