Karl-Ludwig Diehl, Ackerstrasse 4, 53179 Bonn
Architekturkritik
Ein so grosses Gebiet wie den Kleinen Grasbrook zu bearbeiten, ist ein
schwieriges Unterfangen. Niemand weiss das besser als Herr Teherani oder
Herr Gerkan, denen kuerzlich in der Entwurfswerkstatt des Hamburger
Architektursommers im 50er Schuppen am Hansahafen die staedtebaulichen
Entwuerfe missglueckt sind und zur Enttaeuschung ausfielen.
Nun hatten sich im Turmzimmer der Backsteinschule von Fritz Schuhmacher
aus der Weimarer Zeit auf der Veddel in Hamburg drei Architektenbueros
aus Hamburg, Stockholm und Amsterdam/Bruessel an dieselbe
Planungsaufgabe gewagt. Das Geschehen mit "blauraum", "NOD"
und "MUST"
begann dynamisch mit dem Adjektiv "Internationaler" und endete abrupt
mit den zusammengesetzten Substantiven "Workshop". Dazwischen
entstand
viel Architektur auf diesem Internationalen Architektur-Workshop.
Der nun endgueltig definierte staedtebauliche Raum, der von den jungen
Bueros farbig auf einem Plan angelegt war und als Erweiterungsgebiet der
Hamburger City in den Masterplan aufgenommen wird, reicht von der Veddel
bis Steinwerder und schliesst den oeden Parkplatz von Blohm und Voss am
alten Elbtunnel mitein. Die Teilnehmer des Workshops durchdachten
allerdings nur den Nahbereich der Veddel genauer, indem man die
Landzungen vom ehemaligen Segelschiffhafen und vom Ueberseezentrum einer
architektonischen Durcharbeitung unterzog.
In einer programmatischen Skizze war aus den Landzungen des gesamten
alten Hafengebietes eine bunte Inselwelt praepariert worden, in der
jeder Insel eine lustige Aufgabe im neu geordneten Stadtorganismus
zufallen soll. Zum Schrecken einiger Anwesender in der
Abschlussveranstaltung war die Spreehafeninsel in eine
Schrebergartenkolonie verwandelt worden, und aus dem Segelschiffhafen,
heute eine zugeschuettete Hafenbrache, wurde eine typische hamburgische
Schlafstadt mit kurzhaardackeligen gruenen Rasenflaechen und
zeitgeistigen Wohnsilos, aus denen spaeter glueckliche Muetter durch
elegante rechtwinklige Fenster zu ihren vom Stadtteil gelangweilten
Kindern herabblicken, immer in Sorge, die Kontrollmacht ueber die
Lieblinge durch wilden Graswuchs eines Tages geraubt zu bekommen, wenn
der Hausmeister einige Wochen lang keine Lust hat, den Kurzrasen noch
kuerzer zu maehen, weil ihm die Bewohner der Wohnblocks wegen Lapalien
staendig die Bude einrennen, und er die Nase voll hat von dieser
Maekelei.
Interessanter war die erdbewegte Landschaft der jungen Schweden an den
beiden Spitzen des Segelschiffhafengebietes, wo sich heute noch das alte
Hafenbecken in Resten ablesen laesst. Die Landschaftsplaner sahen hier
in Abstimmung mit ihren Kollegen aus Deutschland, Belgien und den
Niederlanden schaerenartig geformte und ausgedehnte Grasbuckel vor, die
sich als Liegewiesen bis zum Wasser des romantisch-verklaert
visualisierten Elbstromes hinziehen, dessen Wasser allerdings wenig zum
Baden einlaedt, da es als braune Bruehe gemaechlich vorbeizieht und bei
Sturmflut geradezu mitreissend aussieht. Die Buckel muteten zumindest
schoen nordisch an und erweckten als Zeichnung den Wunsch des
Betrachters, nach Schweden auszuwandern, da die von den frueheren
Gletschermassen der Eiszeit abgeschliffenen Felsbuckel der schwedischen
Kuestenlandschaft wesentlich anziehender wirken.
Es steckt viel Arbeit in den geplanten Tuermen im Elbstrom, die als
Hochhaeuser Erinnerungen an die Zeit der Segelschiffe aufkommen lassen,
aber utopischen Charakter bekamen, sodass mit ihrer Planung die Autoren
selbst dafuer Sorge trugen, dass sie nicht gebaut werden.
Zwischen der Veddel ueber den Saalehafen bis zu den denkmalgeschuetzten
Lagerschuppen hatten die Architekten einen breiten Uebergang vorgesehen,
der auf dem Wasser als schwimmender Platz zu raumgreifend ausfiel und
die Wirkung des schoenen Hafenbeckens mit den randliegenden
Hafenschuppen voellig vernichten wuerde zugunsten einer viel zu grossen
Platzflaeche ueber dem Wasser, die sich, so die aufregende Vorstellung
im Bewusstsein der Planer, mit dem Tidehub heben und senken soll, wenn
diese Pontons je gebaut werden. Obwohl die Idee zeichnerisch schoen
angelegt ist und das Auge der Betrachter erfreut, gebe ich dem Vorschlag
keine Chance, weil es billiger ist, das Hafenbecken zuzuschuetten, was
ja gerade vermieden werden soll, um deutlich an den alten Hafen zu
erinnern.
Naheliegend war natuerlich die Idee der Promenade am Ufer des
Saalehafens und Moldauhafens entlang und unweit der roten
Backstein-Veddel, aus der inzwischen in grossen Teilen eine
Plastik-Veddel wurde, weil die alten Backsteinbauten im Zuge der
ungluecklichen Waermeschutzverordnung, um Energie einzusparen, aus
Kostengruenden mit Waermedaemmung und Backsteinimitationen aus
Kunststoff verklebt wurden, um der Zwangszuweisung von unliebsamen
Bewohnern durch staedtische Organe des Sozialwesens zu entgehen.
Waere die Veddel durch die Bahnlinie, den Zollzaun, die Hafenautobahn
und den Hochwasserschutzdamm nicht so dramatisch von der Aussenwelt
abgeschnitten, wuerde an diesem beschaulichen Ufer des Saalehafens schon
laengst promeniert, weil es hier wirklich schoen ist. Die bereits
bestehenden Anlagen zu Wasser und zu Lande muessen einfach nur umgenutzt
werden. Dass, was die Planer mit ihrem schwimmenden Platz vorhaben,
wuerde einer solchen Promenade jedoch die beschauliche Wasserflaeche
rauben, sodass mich auf der Abschlussveranstaltung des Internationalen
Architektur-Workshops umsomehr verwunderte, wie man eine riesige
Platzflaeche schwimmend ins Wasser neben eine Promenade legen kann, wenn
das eine das andere beeintraechtigt. Mir erklaert sich diese
Fehlleistung nur aus dem komplizierten Teamwork, welches im Turmzimmer
der Schule vier Tage lang zu leisten war. Ich erinnere mich aber auch an
einen Wettbewerbsentwurf von "blauraum" fuer die Binnenalster in
Hamburg, die ebenfalls weitgehend ueberbaut werden sollte.
Ganz negativ fiel ins Gewicht, dass die am Internationalen
Architektur-Workshop beteiligten Architekten schlicht und einfach
ignoriert hatten, dass bereits eine Wohnbevoelkerung am Rande des
Kleinen Grasbrook lebt, die durch einen hohen Zollzaun von ihrem eigenen
Stadtteil ausgesperrt ist. Von ihrem Wohngebiet aus muss jedoch der
grosse Stadtraum durchdacht werden, und von hier aus muss ihnen der
eigene Stadtteil vor der Tuer endlich zugaenglich gemacht werden.
Planer, die einen solchen unverzeihlichen Fehler machen, setzen sich der
Kritik aus, wenn sie als interdisziplinaer zusammengesetzte Gruppierung
aus Stadt- und Regionalplanern, Garten- und Landschaftsarchitekten und
Architekten, die sich mit Hochbauten beschaeftigen, eine schon
vorhandene Bevoelkerung von der Mitwirkung an der Umgestaltung ihres
Stadtteiles gedanklich ausgrenzen. Die Partizipation der Kleinen
Grasbrooker ist jedoch die Voraussetzung einer gedeihlichen Entwicklung
des Stadtteiles. Dieser grundlegende Vorgang der Stadtteilentwicklung
muss unbedingt erreicht werden. Dabei darf es zu keiner Einbusse der
Qualitaet des spaeteren Staedtebaus und der zukuenftigen Architektur
kommen, eine Planungsaufgabe, die immer sehr schwer zu erfuellen ist,
aber fuer Hamburg zu leisten ist, weil auf dem Kleinen Grasbrook eine
kostbare Stadtlandschaft aufzubauen ist, deren Reiz darin liegt, dass
sie mit Wassertaxis, Bussen und Bahnen leicht von allen Teilen Hamburgs
erreichbar sein wird und zusammen mit der Hafencity als neues Zentrum
der Stadt zu sehen ist.
Karl-Ludwig Diehl
--
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Architektur
Architekturkritik
Architekturkritik
Hi Karl-Ludwig,
> Ein so grosses Gebiet wie den Kleinen Grasbrook zu bearbeiten, ist ein
> schwieriges Unterfangen.
In 20 Jahren wird es dort erträglich warm, in 50 Jahren wird man wohl
zumindest Fächerpalmen pflanzen können, in 75 Jahren Kokosnuß-
und
Dattelpalmen.
Man sollte also, mein bescheidener Vorschlag, etwas mehr auf die zu
erwartenden Touristenströme aus dem Süden eingehen (seriösere
Prognosen als meine gehen davon aus, daß Mitte des Jahrhunderts
der sommerliche Tourismus zum Mittelmeer weitgehend zum Erliegen
kommt (Dürre und Hitze) ).
Die gequälten Volksmassen werden also gen Norden strömen :-)
Man sollte sich jetzt nicht die Optionen auf eine rein touristische
Nutzung verbauen (Venedig des Nordens, Badeinseln, etc.) und damit
auf Einnahmen für den geschlauchten Senatssäckel.
> Interessanter war die erdbewegte Landschaft der jungen Schweden an den
> beiden Spitzen des Segelschiffhafengebietes, wo sich heute noch das alte
> Hafenbecken in Resten ablesen laesst. Die Landschaftsplaner sahen hier
> in Abstimmung mit ihren Kollegen aus Deutschland, Belgien und den
> Niederlanden schaerenartig geformte und ausgedehnte Grasbuckel vor, die
> sich als Liegewiesen bis zum Wasser des romantisch-verklaert
> visualisierten Elbstromes hinziehen,
wohl eher die Richtung :-)
> dessen Wasser allerdings wenig zum
> Baden einlaedt, da es als braune Bruehe gemaechlich vorbeizieht
Moorbäder sind gesund :-)
Ein Besuch in Venedig zeigt wohl eher auf, was da entstehen
kann, denkt man etwas voraus - und entwickelt man etwas
Phantasie, d.h. stellt sich vor, wenn auch noch das Klima venezianisch
wird :-)
Gruß
Tobias
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