Karl-Ludwig Diehl, Ackerstrasse 4, 53179 Bonn
Architektur und Sprache / 4
Wer sich daran macht, die "Einfuehrung in die Semiotik" von Umberto
Eco
durchzuarbeiten, wird gleich zu Beginn darauf hingewiesen, welche
Unsicherheiten bestehen:
"Zu Beginn einer Untersuchung ueber die Grenzen und Gesetze der Semiotik
muss vor allem bestimmt werden,
a) ob man unter dem Namen "Semiotik" eine spezifische Disziplin mit
einer eigenen einheitlichen Methode und mit einem genau bestimmten
Objekt versteht, oder
b) ob dagegen die Semiotik ein Feld von Untersuchungen, eine noch
nicht vereinheitlichte Ansammlung von Interessen ist." (1)
Fuer Eco gibt es nur ein unklares semiotisches Feld, und er lotet aus,
welche Forschungsgebiete zu diesem Feld gehoeren. Er bringt eine lange
Liste mit kurzen Eroerterungen der Untersuchungsgegenstaende und fragt
sich dann, ob "alle diese Probleme und verschiedenen Ansaetze in einem
einzigen Ansatz vereinheitlicht werden (koennen)." (2)
Kritisch fuegt er an, die Semiotik sei vielleicht "nur ein Etikett, das
ein Feld von miteinander unvereinbaren Disziplinen bedeckt." (3) Und um
diesen toten Punkt zu ueberwinden, denkt er sich, "ob es nicht
fruchtbarer waere, die Existenz eines voellig strukturierten
semiotischen Feldes anzunehmen und dessen Architektur theoretisch zu
formulieren." (4) Das laesst erkennen, dass Neuland betreten wird, und
wir die Erwartungen herunterzuschrauben haben, da die Sache sicher noch
nicht gut ausgereift ist. Er selbst sagt:
"das Buch (hat) gewisse Luecken und Schwerpunkte: es geht bestimmten
Problemen tiefer auf den Grund und laesst andere in der Schwebe." (5)
Und: "Es spiegelt den heutigen Zustand dieser im Entstehen begriffenen
Disziplin der Semiotik wieder." (6) Das war vor etwa 30 Jahren.
Es gibt in der Einfuehrung zur Semiotik ein Kapitel, das "Funktion und
Zeichen" heisst und in Klammern (Semiotik der Architektur) genannt ist.
Es umfasst circa 60 Seiten und hinterlaesst sehr den Eindruck, dass der
Autor sein Thema nicht bewaeltigen konnte. Am Ende fluechtet er sich in
eine Darlegung des Staedtebaus von Brasilia als Idealstadt, die, wie
eigentlich alle Idealstaedte, sich nicht im Sinne der Erfinder bauen
liess, sondern ihre Eigendynamik entfaltete. Ganz zum Schluss des
Kapitels macht er endlich deutlich, um was es ihm mit diesem Text ging.
Er wollte herausfinden, ob durch die moderne Sprache der Architektur die
Menschen veraendert werden konnten, und zwar so, wie es ihre Erfinder
vorhatten. Sie konnten nicht.
Mir ist dieses Kapitel zur Semiotik der Architektur viel zu wenig
systematisch aufbereitet, und ich denke, die Klammern um den Untertitel
bringen das schon eingangs zum Ausdruck, dass hier noch alles in der
Schwebe ist und spaeter einmal richtig durchdacht werden muss. Das was
in diesem Abschnitt des Buches zu unklar bleibt, ist, wer eigentlich
kommuniziert. Wenn am Ende dabei herauskommt, dass es den modernen
Architekten nicht gelingt, durch die Formensprache ihrer Architektur den
Menschen dahingehend zu beeinflussen, wie sie es sich gedacht hatten,
dann muesste das schon zu Beginn des Kapitels und zwischendurch immer
wieder deutlich gemacht worden sein. Das hat Eco jedoch unterlassen. Er
geht in seinem Textverlauf ganz vom architektonischen Objekt aus, sei es
die Hoehle des Urmenschen, eine moderne Treppe, ein Bauplan oder das
Kreuzrippengewoelbe, usw., ohne das eigentlich so recht klar wuerde,
warum er diese Darlegungen recht ungeordnet aneinanderreiht. Er sucht
nach Codes, erklaert sie, sucht nach architektonischer Information,
Persuasion und einem anthropologischen System, und macht sich endlich
Gedanken ueber die Rolle des Architekten und ob ihre Architektur "mit
ihrem System von Signifikans-Reizen die Menschen zwingen wuerde, ganz
anders zu leben." (7) Wonach endlich deutlich wird, dass es Umberto Eco
darum geht zu fragen, ob die Moderne mit ihrer Architektur dazu faehig
ist, einen neuen Menschen durch den Einfluss der Architektur, der bei
ihm Staedtebau umfasst, zu erschaffen. Er stellt nuechtern fest, "wie
sehr diese Illusion die Geschichte der modernen Architektur beherrscht
hat" (8), als sich Architekten fuer Demiurgen und Schoepfer der
Geschichte hielten (9) und relativiert:
"Der architektonische Kommunikationsakt traegt sicherlich dazu bei, die
Verhaeltnisse zu aendern, aber er stellt nicht die einzige Form der
Praxis dar." (10)
Denn daran wirken viele mit. Er zirkelt auch das Problem ein:
"die historische Situation, auf welche er (der Architekt) sich stuetzt,
um den Code festzustellen, ist vergaenglicher als die signifikanten
Formen, mit denen er diesen Code fuellt." (11)
Das heisst, die Verhaeltnisse aendern sich schneller als der Vorgang,
der dazu fuehrt, dass ein Architekt ein Problem in einer Zeit loest und
dieser Loesung architektonische Form verleiht. Er hinkt mit seiner
Expression dem Zeitgeist hinterher. Das mussten damals auch die
Soziologen resigniert feststellen, die an der Entwicklung des modernen
Staedtebaus der Nachkriegszeit mitgewirkt hatten, ohne dass ihnen damit
bessere Verhaeltnisse zu schaffen gelungen waere. Somit haben wir die
Essenz dessen, um was es Eco in seiner Semiotik der Architektur ging. Er
kritisiert den zu hohen Anspruch der Architekten und entlarvt ihren
Glauben, durch Architektur einen neuen Menschen schaffen zu koennen, als
Illusion. Ihre Kommunikation geht ins Leere und ist bereits veraltet,
bevor sie einsetzt. Aber damit nahm er nur eine allgemeine Kritik auf,
welche durch die Bevoelkerung, die die funktionalistische Moderne nicht
mehr ertragen konnte, mit Protest an ihn und viele andere Intellektuelle
herangetragen wurde. Wir sehen, die Kritik hat bei ihm gefruchtet. Wir
duerfen uns damit troesten, dass Brasilia, ein interessantes Beispiel
einer modernen Stadt mit beeindruckender Architektur, durch seine
Architektur eine ganze Generation von Architekten inspiriert hat und
hier die eigentliche kommunikative Wirkung liegt, worauf aber Eco mit
keiner Silbe zu sprechen kommt. Was sehr kritisch gesehen werden muss.
Denn der wirkliche kommunikative Akt, den es gibt, ist fast nur nur:
"Lart pour lart !" Architektur wird hauptsaechlich zwischen
Architekten intensiv kommuniziert und loest zwischen ihnen Dialogformen
aus. Die Bevoelkerung wird so, wie Architekten ueber die Formensprache
der Architektur erreicht werden koennen, eigentlich nicht erreicht. Das
ist zwar schade, aber es ist nun einmal so. Karl-Ludwig Diehl
Anmerkungen:
(1) Umberto Eco: Einfuehrung in die Semiotik. Muenchen, 1972. S.17
(2) - (3) U.Eco... S.27
(4) U.Eco... S.41
(5) - (6) U.Eco... S.44
(7) U.Eco... S.352
(8) - (9) U.Eco... S.353
(10) - (11) U.Eco... S.356
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Architektur und Sprache / 4
2003-09-01 22:14:34