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Der deutsche Einfluß auf die Gestaltung des Central Park in New York / 2

Der deutsche Einfluß auf die Gestaltung des Central Park in New York / 2

Karl-Ludwig Diehl
2004-12-16 16:57:18

Karl-Ludwig Diehl, Ackerstr.4, 53179 Bonn - Seaman Ave, New York


Der deutsche Einfluß auf die Gestaltung des Central Park in New York / 2

Die nordamerikanische Wildnis in ihrer riesigen Ausdehnung war im 18.Jh.
noch bedrohlich erlebt worden. Einwanderer aus Europa drangen in sie vor
und mußten sich als Pioniere auf ihrem Weg nach Westen in der Natur
behaupten. Die Idealisierung der Natur leisteten Maler und Dichter. Sie
schufen eine andere Wahrnehmung der Natur gegenüber, gerade zu einem
Zeitpunkt, als die Zerstörung der Natur durch die zunehmende Besiedelung
der Neuen Welt und durch die westwärts vordringenden Pioniere erfolgte,
die deutliche Spuren der Naturzerstörung hinterliessen. Wälder wurden
abgeholzt, Landschaft urbar gemacht. Eisenbahnlinien begannen bald den
Naturraum zu durchkreuzen. Die Industrialisierung löste die ruhige Welt
der Farmer ab und hatte negative Auswirkungen auf intakte
Naturzusammenhänge. Die Städte wurden rasch größer, Armutsgebiete
breiteten sich aus, und New York, um das es hier geht, erhielt einen
Stadtentwicklungsplan, der ein Straßenraster über ganz Manhattan
ausbreitete, ohne daß Parks vorgesehen wurden. Zu dem
Fortschrittsglauben lagerte sich im Bewusstsein der Menschen das
schreckliche Bild einer menschlichen Kulturentwicklung, die sehr stark
als Zerstörungswerk erlebt wurde und in der großen Stadt ihr Symbol
hatte. (1)

Der Landschaftsmaler Thomas Cole, der die unberührte Natur Nordamerikas
aufsuchte und sie in Bildern stilisierte, machte dieses Thema der
Unberührtheit zum Sinnbild des eigentlichen Amerikanischen. Er schuf ein
rückwärtsgewandtes Bild der amerikanischen Nation, so, als würden sich
die Menschen dieser Nation in "pastoraler Idylle" aufhalten. (2)
Das faßt Franziska Kirchner so zusammen:

"Sobald die Maschine in den Garten Eden gelangt, wie Leo Marx es
umschreibt, wird die unberührte Natur zum idealen Symbol für Amerika
stilisiert." (3)

Die Aufwertung der Natur über die Idealisierung leisteten neben Thomas
Cole sehr viele andere Künstler und Dichter, was in der zweiten Hälfte
des 19.Jh. die Landschaftsarchitekten Amerikas aufgriffen und zu
gebauten Gemälden weiterentwickelten. Sie folgten damit englischen und
deutschen Vorbildern. (4)

Journale trugen dazu bei, das Picturesque America der jungen Nation zu
vermitteln, und es wurde Tag für Tag notwendiger, das Defizit an
Grünanlagen in den Städte zu beseitigen und in ihnen Parks anzulegen.
Mit Begeisterung verschlangen die Leser der Zeitschriften die Artikel zu
Expeditionen in wilde Naturräume, die von Eisenbahngesellschaften und
anderen Wirtschaftszweigen finanziert wurden, wodurch Landschaftsmaler
und Dichter solche Reisen unternehmen konnten, allein deshalb, damit von
ihnen darüber berichtet werden konnte. Mit den Darstellungen der Natur
wuchs das Bedürfnis, eine solche ideale Landschaft auch in den großen
Städten um sich zu haben. (5)

In New York begannen William Cullen Bryant und Washington Irving das
Interesse für die Natur und den Landschaftspark zu wecken. Sie
entfachten eine unstillbare Sehnsucht nach Natur in den Menschen dieser
großen Stadt, denen damit näher gebracht wurde, daß in New York, das
über wenige kleine Grünanlagen verfügte, ein großer Landschaftspark
fehlte. Ihm wurde ein hoher Erholungswert beigemessen, und er habe einen
großen erzieherischen Wert, weil er aus Menschen zivilisierte Wesen
mache, denen an einer geordneten Kulturentwicklung gelegen sein würde.
Das gestaltete Naturideal, zu dem man strebte, war Werkzeug zur
Zivilisierung der Menschen in den großen Städten der Nation geworden.

Es lag nahe, solche großen Parks so zu gestalten, daß
Landschaftsausschnitte aus den weiten Naturräumen Amerikas zu einem Park
zusammengestellt waren. Amerika wurde als großer Garten gesehen, der im
städtischen Park wiederzufinden sein sollte. Er hatte die Schönheit des
Landes zu verdeutlichen. Amerikaner sollten stolz auf ihr eigenes Land
werden und sich stärker mit ihm identifizieren können. (6)

Nahegebracht hatte der Entdecker Alexander von Humboldt den Lesern die
großartigen Zusammenhänge in der Natur in seinem Kosmos, einer
wissenschaftlichen Arbeit, die als englische Ausgabe auch in den
Vereinigten Staaten erworben werden konnte und viele Leser fand. (7)
Dieses wissenschaftliche Werk, das die Gemüter vieler Amerikaner in der
Mitte des 19.Jh. bewegte, reizte viele zu botanischen Studien, um es
Humboldt gleich zu tun. Landschaftsmaler hielten mit wissenschaftlicher
Akribie die Vielfalt der Natur in all ihren Erscheinungsformen fest und
die Landschaftsarchitekten wurden dazu angeregt, diese Vielfalt der
Natur in Parks zusammen zu fassen. Es bedurfte nur noch der Anregung
durch die europäischen Gartenanlagen für das Volk, um in den Vereinigten
Staaten ebenfalls Volksparks anlegen zu wollen, was schließlich den
Amerikanern durch Reisen nach Europa und durch die Besuche deutscher
Volksparks in München und anderswo ausgelöst wurde, und auch in der
Literatur zur Garten- und Landschaftsarchitektur angelesen werden konnte.

New York war in dieser Zeit durch Einwanderer überfüllt und platzte aus
allen Nähten. Die Stadt mußte sich schnell ausdehnen können, und es
bedurfte engagierter Menschen, die große Parkanlagen einforderten, damit
jeder Besucher ein "Bad (in) sonniger und reiner Luft" nehmen konnte.
Landschaftsparks wurden zur Verhinderung von Seuchen und als
Allheilmittel zur Reduzierung der Kriminalität einsetzbar. Sie sollten
in dem stürmischen Meer der Immobilienaktivitäten einen Ort der Ruhe
schaffen, wo sich jeder Stadtmensch erholen könne.
Aus der Angst vor Seuchen, von denen New York regelmäßig heimgesucht
wurde, und um sozialen Spannungen vorzubeugen, wurde zu dem
eindrucksvollen Mittel gegriffen, eine riesige Fläche in der Mitte
Manhattans in einen Landschaftspark zu verwandeln. (8) Dazu war den
Verantwortlichen der Satz des deutschen Landschaftsgestaltrs Pückler
bekannt, der schrieb:

"Es ist die Freiheit der Bäume, nach der wir uns ebensosehr sehnen." (10)

Diese Freiheit sollten alle sozialen Gruppen der Stadt gleichermaßen in
ihrem großen Stadtpark wiederfinden. Die Parks für alle symbolisierten
zugleich die demokratischen Verhältnisse in Nordamerika, einer
Staatsform, die man mühselig der englischen Kolonialmacht abgerungen
hatte. Und zum Symbol für Demokratie war plötzlich den Amerikanern der
Volkspark geworden, eine Idee, die im 19.Jh. durch die freien deutschen
Städte entwickelt worden war.
Karl-Ludwig Diehl

Anmerkungen: (Anmerkungen liegen beim Autor)
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