Karl-Ludwig Diehl, Ackerstr.4, 53179 Bonn - Seaman Ave, New York
Die ersten Bauten der Vereinigten Staaten in Louisiana / 2
Man muß im Auge behalten, daß der Begriff Louisiana zur Zeit des
Kaufes
durch die Vereinigten Staaten im Jahre 1803 ein riesiges
Landschaftsgebiet zwischen Mississipi und den Rocky Mountains
bezeichnete und nicht mit dem Territorium des heutiges Bundesstaates
Louisiana identisch ist. Die genauen Grenzen dessen, was Jefferson von
Napoleon abgekauft hatte, war zudem unbekannt. Was die Franzosen durch
Entdeckungsreisen und durch Besiedlung in Beschlag genommen hatten, war
auch ihnen weitgehend rätselhaft geblieben. Landnahme durch einen
europäischen Staat in Übersee geschah damals durch Deklamation. Es
war
mehr eine fiktive Landnahme von einem Gebiet, das man nicht kannte.
Als das "Corps of Discovery" am 7.April 1805 vom Fort Mandan aus
weiter
nach Westen vordrang, hatte es Hinweise durch die Indianer erhalten, was
noch auf sie zukam. Sie stießen in eine wilde Gebirgswelt vor, wobei
ihnen zugute kam, daß sich ihrem Corps ein Franzose als Dolmetscher
angeschlossen hatte, der mit einer Indianerin unter den Mandan lebte.
Sie gebar ihm einen Sohn in diesem Fort Mandan, das sich das Corps zur
Überwinterung gebaut hatte, und reiste zusammen mit ihrem Neugeborenen
und ihrem Mann auf dem Weg mit, den das "Corps of Discovery" nun
einschlug. Sacagawea, so hieß diese Indianerin, war von den Hidatsas
verschleppt worden und wurde an den Franzosen verkauft. Sie war noch
sehr jung und brannte darauf, den Weg zurück zu ihrem Stamm zu finden.
Ihre Sprachkenntnisse, aber auch die von ihrem Mann, waren für den
weiteren Verlauf der Expedition von entscheidender Bedeutung. Es kam nun
darauf an, den richtigen Weg zu erfragen.
Bald gelangte die Expeditionsgruppe zu den White Cliffs of Missouri, die
als landschaftlicher Höhepunkt erlebt wurden. In den
Tagebucheintragungen gelten sie als "Ausblicke märchenhafter
Verzauberung". (1)
Bei der nun folgenden Flußgabelung, auf die sie stießen, hatten sie
unverschämtes Glück. Sie entschieden sich durch Zufall für den
richtigen
Weg und gelangten zu den "Great Falls", von denen ihnen die Indianer
erzählt hatten. Danach stießen sie auf vier weitere
Wasserfälle. Sie
mußten auf einer komplizierten Strecke über Land ihr gesamtes
Expeditionsgepäck befördern, was sie einen vollen Monat
beschäftigte.
Dann stießen sie bei der weiteren Fahrt mit den Kanus auf dem Fluß
auf
eine erneute Flußgabelung aus drei Flußläufen. Wieder folgten
sie durch
Zufall dem richtigen Wasserlauf, und bald begann der Landschaftsraum, an
den sich Sacagawea erinnern konnte. Sie erkannte einen merkwürdig
geformten Felsen und wußte sich nun in der Nähe ihres Stammes.
Jenseits
des Lemhi-Paßes stellten sich ihnen Shoshonen in den Weg. Es gelang
durch Überredungskünste, deren Häuptling aufsuchen zu
dürfen. Dieser
entpuppte sich als der Bruder Sacagaweas. Durch diese Begegnung war der
weitere Verlauf der Expedition gesichert. Sie erhielten Reittiere,
versteckten ihre Kanus am Ufer und zogen weiter nach Westen, wobei sie
den spärlichen Angaben der Shoshonen folgten.
Sie wurden völlig ausgemergelt nach schlimmen Wochen in einer
unwirtlichen Gegend im Lande der Nez Perce von den Indianern
aufgegriffen und blieben von diesem Stamm nur deshalb unbehelligt, weil
sich eine alte Indianerin für sie verwendete und sie mit Lebensmittel
versorgte. Als sie wieder aufgepäppelt waren, standen ihnen die Indianer
beim Bau von neuen Kanus hilfreich bei und versprachen, auf ihre Ponys
aufzupassen, die sie bei sich weiden liessen, solange die Expedition zum
Meer im Westen unterwegs sei und wieder zurückkomme. Daraufhin machte
sich das "Corps of Discovery" wieder auf den Weg.
Man befuhr das Flußsystem des Columbus River und geriet in ein Gebiet
reich an Lachsen, wo sie auf freundliche Indianer stießen, die an der
Einmündung des Snake River in den Columbus River ihr Lager hatten. Nach
einer lustigen Zeit unter Indianern gelangte man flußabwärts zu den
Wasserfällen beim heutigen Celili, mußte sie umgehen, und sah dann
das
Meer in weiter Ferne. Doch war das erst die breite Flußmündung des
Columbus River, wo sie sich ein provisorisches Camp in unwirtlicher
Gegend schufen. Dieses "Camp Disappointment" wurde sehr schnell
wieder
abgebrochen, als ihnen Indianer vom Stamme der Clatsop einen besseren
Platz empfahlen. Sie gelangten so in unmittelbare Nähe zum pazifischen
Ozean und erbauten sich als Winterlager das "Fort Clatsop", ein mit
Palisaden umgebenes Gebäudeareal, in dem sie alle gut unterkamen. Darin
verbrachten sie den Winter, erhielten gelegentlich Besuch durch
Indianergruppen, die ihnen nicht geheuer waren, sodaß sie jedesmal
erleichtert das Tor ihrer einfachen Befestigung hinter ihnen schlossen,
sobald sie nach langen Unterredungen zum Abbruch ihres Besuches
überredet werden konnten.
Am 23.März 1806 war man froh, die Rückreise antreten zu können.
Das
"Fort Clatsop" übergab man den Indianern in einer Zeremonie und
machte
sich danach mit Kanus auf den Rückweg.
Bei den Nez Perce angekommen, erhielten sie ihre Ponys zurück, waren
aber zu einem längeren Aufenthalt gezwungen, weil erst die
Schneeschmelze in den Rocky Mountains abgewartet werden mußte. Diese
setzte dann Ende Juni ein und das "Corps of Discovery", immer noch
von
Sacagawea und ihrem französischen Mann begleitet, zog ins Gebirge.
Unterwegs mußte es erstmals von seinen Waffen Gebrauch machen, als
Blackfoot-Indianer versuchten, die Ponys und die Gewehre zu rauben. Die
Expeditionsgruppe gelangten nach überstandener Schießerei wieder
heil zu
den Dörfern der Mandans, wo der Franzose mit Sacagawea und ihrem
gemeinsamen Kind zurückblieb.
Am 23.September 1806 traf das "Corps of Discovery" am Ausgangspunkt
der
Expedition, also in St.Louis ein. Die Bewohner dieser Stadt bereiteten
ihnen einen großartigen Empfang.
(2)
Während das "Fort Mandan" das erste Bauwerk der Vereinigten
Staaten in
Louisiana war, kann man vom "Fort Clatsop" sagen, es ist das zweite
Bauwerk dieses Staates auf seinem neuen Territorium gewesen. Auch dieses
Gebäude wurde aus Anlaß der 200 Jahr Feier rekonstruiert und kann
aufgesucht werden.
Aus der Indianerin Sacagawea wurde eine legendäre Gestalt in der
Geschichte der Vereinigten Staaten. Die Führungsspitze der Expedition
hatte versprochen, sich um die Kinder Sacagaweas zu kümmern, damit sie
eine gute Ausbildung erhielten. Das Versprechen wurde eingelöst.
Die Bezeichnung "Corps of Discovery", für die damalige
Expedition
erstmals gewählt, wurde späteren Unternehmungen von Wichtigkeit
ebenfalls gegeben. So nannte man auch die Gruppe, die sich auf den Weg
zum Mond machte, "Corps of Discovery". Es gilt den Amerikanern als
große
Auszeichnung, einem solchen Corps angehört zu haben. Unternehmungen
eines solchen Corps werden zu Legende.
Karl-Ludwig Diehl
Anmerkungen: (liegen beim Autor)
--
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Die ersten Bauten der Vereinigten Staaten in Louisiana / 2
2004-12-22 15:20:25