Karl-Ludwig Diehl, Ackerstrasse 4, 53179 Bonn
Architektur und Kybernetik / 1
Im Jahre 1948 veroeffentlichte der Mathematiker Norbert Wiener seine
Schrift "Cybernetics or control and communication in the animal and the
machine". Mit diesem Text, der 1963 in deutscher Sprache erschien (1),
kam es zur Einfuehrung des Begriffs "Kybernetik" in die
Wissenschaftssprache. (2) Es gab schon vorher eine Schrift von
H.Schmidt, in der eine "Allgemeine Regelungskunde" 1941 erwaehnt
wurde
(3), und vielleicht andere Texte zu aehnlich gelagerten Themen, jedoch
war darin der Begriff "Kybernetik" noch nicht vorhanden.
Wiener ging es bei der Kybernetik "um die (im Prinzip) gleichartige
mathematische Beschreibbarkeit und Beschreibung von (im Prinzip)
gleichartigen Steuerungsvorgaengen bei Lebewesen und bei arbeitenden
Geraeten." (4) Die Idee des "Regelkreises" dient Wiener als
Modell, um
Natur und Technik mathematisch beschreibbar zu machen. Dieses Modell vom
Regelkreis in der Kybernetik faszinierte sehr schnell andere
Fachwissenschaften und erfuhr eine interdisziplinaere Beachtung, so in
der Technik, der Biologie, der Psychologie, der Sozialwissenschaft, der
Aesthetik, in der Architektur, usw. Wieso das stattfand, beschreibt
Juergen Pahl:
"Die Kybernetik umgreift, durchdringt die Fachwissenschaften methodisch
durch deren Mathematisierung und digitale Operationalisierung", jedoch:
"Die durch Einsatz kybernetischer Methodik loesbaren Probleme der
Fachwissenschaften sind weder allein durch Kybernetik noch allein durch
die jeweilige Fachwissenschaft loesbar, sondern nur durch die neue
Qualitaet aus der integrierten Anwendung." (5)
Durch den rasch entstandenen unerschuetterlichen Glauben an die
Kybernetik eroeffneten sich natuerlich auch Sackgassen. So wurden z.B.
in den sechziger Jahren des 20.Jh. "systemanalytische Verfahren
entwickelt zur Mathematisierung und Digitalisierung von qualitativen
Bewertungsverfahren bei Entscheidungen in Architekturwettbewerben" (6),
was klaeglich scheiterte.
Das architektonische Mittelmass, das als beste Architektur eines
Wettbewerbs ermittelt wurde, war schier unertraeglich. Es zeigte sich,
dass "Bewertung von Architektur als Kunst nicht mechanisierbar ist"
(7)
Genauso erging es der "numerischen Aesthetik", die nach Juergen Pahl
"insgesamt als gescheitert zu gelten hat". (8)
Fuer die Fachrichtung Architektur gilt Nicolas Schoeffer als Protagonist
einer kybernetischen Architektur. Von ihm erschien 1969 das Buch "La
ville cybernetique" in Paris. (9) Er konzipierte als Exempel einen
"Kybernetischen Lichtturm von Paris", an dem er aufzeigt, wie eine
"Staendige Wechselwirkung zwischen der Umgebung des Menschen und der
Kunst" moeglich ist. Dank einer grossen Zahl von Parametern, sei es
machbar "staendig eine neue aesthetische Atmossphaere" zu erzeugen,
d.h.
der Turm veraendert sich. Eine kybernetische Stadt enthaelt laut
Schoeffer "stimmungs- und funktionsspezifische, kybernetisch gesteuerte
Raeume fuer alle unterschiedlichen Phaenomene der menschlichen
Existenz". (10)
Inzwischen ist die Kybernetik in der Architektur bestens verankert. Wir
duerfen aber immer noch darauf warten, dass so radikale Stadtmodelle,
wie die eines Nicolas Schoeffer, zur Ausfuehrung gelangen. In Bonn steht
ein "Lichtturm" von ihm neben dem Bonner Stadthaus.
Karl-Ludwig Diehl
Anmerkungen:
(1) Norbert Wiener: Cybernetics or control and communikation in the
animal and the machine. MITPress, Harvard/Mass.,1948
Norbert Wiener: Kybernetik, Regelung und Nachrichtenuebertragung im
Lebewesen und in der Maschine. Duesseldorf, Wien, 1963. 2.rev.Aufl. 1968
(2) erwaehnt bei: Juergen Pahl: Die Rolle der Kybernetik in der
Architekturtheorie der sechziger Jahre und dreissig Jahre danach.
S.81-88 in: Wolfgang Meisenheimer: Architektur als Darstellung, als
Zeichen, als Sprache. Duesseldorf, ca.1989. S.81
(3) die "Allgemeine Regelungskunde" wurde 1941 von H.Schmidt
vorgeschlagen, wie Juergen Pahl S.81 erwaehnt.
(4) siehe: Juergen Pahl... S.81
(5) Juergen Pahl... S.83
(6) - (8) Juergen Pahl... S.87
(9) Nicolaus Schoeffer: La ville cybernetique. Paris, 1969. Nicolaus
Schoeffer: Die kybernetische Stadt. Graefeling, 1970
(10) Vergleiche: Juergen Pahl... S.84-87
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Architektur
Architektur und Kybernetik / 1
Architektur und Kybernetik / 1
Karl-Ludwig Diehl schrieb:
>Fuer die Fachrichtung Architektur gilt Nicolas Schoeffer als Protagonist
>einer kybernetischen Architektur.
Na, da hast Du aber ein paar Jahrunderte ausgelassen. Städte wurden
schon in der Antike als Regelkreise verstanden, die nicht nur Ausdruck
des sozialen Lebens waren, sondern dieses maßgeblich mitgestalteten.
Ich empfehle Dir, Dich diesbezüglich mal über die ganzen Utopisten zu
informieren. Besonders interessant finde ich Merciers einige Jahre vor
der franz. Revolution erschienene Utopie "2004", dann im Vergleich
dazu die Revolutionsarchitektur, und dann wieder die sozialromatischen
Utopien des 19 Jhds von William Morris. Morris begründete die
Arts-and-Crafts-Bewegung und hat als zu Geld gekommener
philantropischer Unternehmer immerhin einige seiner Ideen realisieren
können, die z.T. bis heute überlebt haben (IIRC gibt es noch eine von
ihm für seine Arbeiter gebaute Siedlung).
Tom Berger
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