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Architektur und Kybernetik / 2

Architektur und Kybernetik / 2

Karl-Ludwig Diehl
2003-09-16 14:06:41

Karl-Ludwig Diehl, Ackerstrasse 4, 53179 Bonn


Architektur und Kybernetik / 2

Ausgerechnet in einem Handwoerterbuch fuer Theologie und
Religionswissenschaft (1) fanden sich sehr gute Hinweise fuer den
Gebrauch des Wortes Kybernetik. Platon nennt Kybernetikae, um die Kunst,
Schiffe zu steuern, zu bezeichnen. Bevor der Begriff Kybernetik von
Norbert Wiener in die naturwissenschaftliche Terminologie aufgenommen
wurde, war er schon in der Theologie verwendet worden. Seitz schreibt:
"Noch vor der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung fand dieser
Begriff Eingang in die Praktische Theol., wohl enzyklopaedisch zuerst
bei C.A.G.von Zezschwitz" (2) im Jahre 1878.
Von Zezschwitz hatte den griechischen Begriff Kybernetik, der
urspruenglich die Taetigkeit des Steuermanns auf Schiffen bezeichnete,
"auf die Faehigkeit der klugen Leitung von Staat und Kirche angewandt".
(3) Im Handbuch der theologischen Wissenschaft, Bd. 4, 1885 von
O.Zoeckler herausgegeben, findet sich von Th.Harnack deshalb ebenfalls
ein Beitrag zum Stichwort Kybernetik (4) und A.D.Mueller verfasste 1950
einen Grundriss der Praktischen Theologie, wo das Stichwort genauso
vorkommt. Mit Schmunzeln wies Johannes Hanselmann im Grusswort bei der
Eroeffnung der naturwissenschaftlich/geisteswissenschaftlichen Tagung
zum Thema "Kybernetik als Herausforderung" 1968 im "Haus der Kirche" in
Berlin auf einen Aufsatz in einem theologischen Fachblatt vom April 1966
hin, der mit dem Titel "Wege zur lebendigen Gemeinde - Versuch einer
kybernetischen Quintessenz" erschienen war und folgenden Textabschnitt
enthaelt:
"Der Begriff Kybernetik, der heute auf dem Gebiet der elektronischen
Reglertechnik eine grosse Rolle spielt, stammt aus dem Bereich der
Theologie, genauer der Praktischen Theologie. Hier bezeichnete er neben
der Homiletik, Liturgik, Katechetik und Pastoraltheologie jenes
umfassende Gebiet, auf dem es in der Hauptsache um die Kunst der
Gemeindeleitung und um die Ordnung des Kirchenregiments ging." (5) Bei
E.Winkler und G.Kretschmar werden 1975 unter dem Stichwort Kybernetik
"Erwaegungen zum Pfarrerbild, zu Fuehrungsstilen, zur kirchl.
Publizistik und zum Gemeindebaufbau" diskutiert, (6) waehrend bei
F.Schwarz 1984 in seiner Theologie des Gemeindeaufbaus "Impulse im Zuge
von Ueberlegungen zum missionarischen Gemeindeaufbau" gegeben werden.
(7) Und bei R.Weth liest man: "Es geht im missionarischen Gemeindeaufbau
um die geistl. Erneuerung und kybernetische Ausbildung des
Pfarrerstandes... Es geht.... darum, solche Gemeindeglieder, die sich
schon zum Leben der Gemeinde halten, entweder im Glauben zu vergewissern
oder allererst zum Glauben zu fuehren, um dann auch ihre bes. Charismen
fuer die Mitarbeit zu entdecken... Es geht..., darum, auch fernstehende
Gemeindemitglieder zur Umkehr einzuladen und in das Leben der Gemeinde
einzugliedern." (8) Manfred Seitz weist daraufhin, dass es seit den
1990er Jahren wieder stiller um das Wort Kybernetik im theologischen
Kontext geworden ist. (9) Es geht also nur noch um eine Kybernetik, die
uns "begegnet in Mathematik, Biologie, Psychologie, Soziologie,
Paedagogik und Linguistik ebenso wie in Technik, Verwaltung, Produktion
und Politik" (10) so, wie sie von Norbert Wiener in die Terminologie der
Wissenschaften eingefuehrt wurde und sich danach weiterentwickelte.

Felix von Cube sagte 1968: "Bei dem Wort "Kybernetik" denken viele an
"Denkmaschinen", "Elektronengehirne" oder aehnliches. Das erschoepft
jedoch den Begriff der Kybernetik nicht." Und an anderer Stelle:
"Ueberall taucht dieses Wort auf, und nicht jedem ist klar, was man
darunter versteht und wie es zu dieser Ausweitung der Kybernetik
gekommen ist."(11) Und er formulierte deutlich: "So fuehrt das Wort
"Kybernetik" gelegentlich auch zu mystischen Vorstellungen: Man weiss
nicht genau, was hinter den Denkmaschinen" steckt, und mystifiziert sie
daher, wie primitive Voelker Naturereignisse mystifizieren. Dabei
handelt es sich im Grunde um ganz einfache Begriffe und Prozesse, die
man ohne spezielle Vorkenntnisse begreifen kann." (12) Er unterteilte in
seinem Vortrag die Kybernetik in eine "Technische Kybernetik" und eine
"Allgemeine Kybernetik".
Zur "Technischen Kybernetik" formuliert er so:
"Die technische Kybernetik stellt gegenueber der bisherigen,
traditionellen Technik etwas Neues dar. Die traditionelle Technik - vom
Hebel bis zur Atomenergie - hat es mit Kraft und Energie zu tun, die
Kybernetik mit Information und Informationsverarbeitung." (13)
Und zur "Allgemeinen Kybernetik" laesst er sich zu folgenden Aussagen
hinreissen:
"Bei der Darstellung der allgemeinen Kybernetik gehen wir zunaechst noch
einmal von der technischen Kybernetik, insbesondere von der Regeltechnik
aus. Gleichzeitig stellen wir fest, dass es neben den technischen
Regelkreisen auch biologische Regelkreise gibt". (14) Und spaeter:
"Entscheidend fuer die Entwicklung der allgemeinen Kybernetik war die
Feststellung, dass es biologische Regelkreise gibt, die ihrer Struktur
nach mit den technischen Regelkreisen uebereinstimmen. Ein weiterer
Schritt in dieser Richtung war dann die Erkenntnis, dass auch in anderen
Wirklichkeitsbereichen Regelungsprozesse ablaufen: In der Psychologie
(Wahrnehmung, Lernen am Erfolg etc.), Soziologie (Kommunikation von
Partnern und Gruppen), Paedagogik (Erziehung zu einem bestimmten Ziel),
Wirtschaft, Politik, Aesthetik usw." (15) Wenn wir Norbert Wiener lesen,
erhalten wir den umgekehrten Eindruck. Aus den biologischen
Regelkreisen, die interdisziplinaer untersucht wurden, entwickelten
Wiener und andere Wissenschaftler, z.B. Mediziner, Aussagen fuer die
"technische Kybernetik", aus der sich schnelle Rechner, usw., ergaben.

Wenn wir nun ueber den Zusammenhang zwischen Architektur und Kybernetik
nachdenken, so gibt es natuerlich die Relevanz zur "technischen
Kybernetik" wie zur "allgemeinen Kybernetik". Noren Herzfeld merkt an:
"Zunaechst wurde die K(ybernetik) vorwiegend im Bereich der Technik...
angewandt... Da mit Hilfe der K. jedes System, das komplex und
selbstregulierend ist, studiert werden kann, wurden die grundlegenden
Konzepte bald auf eine Vielzahl anderer wiss. Disziplinen uebertragen...
Als die K. in den 60er und 70er Jahren der Sozialwiss(enschaft)
zugeordnet wurde, wechselte die Perspektive des Forschungsbereichs von
einer externen (z.B. der Mensch als Beobachter eines mechanischen
Systems) zur internen (z.B. der Mensch als Teil einer polit. oder
sozialen Gemeinschaft)..." (16) Die "allgemeine Kybernetik" spielte bei
der Mitarbeit der Soziologen am Staedtebau der 60er und 70er Jahre
bereits eine grosse Rolle. Die gesamte Auswirkung der Kybernetik auf die
Architektur muss nach zur Darstellung kommen. Sie ist sehr umfangreich.
Karl-Ludwig Diehl



Anmerkungen:

(1) Manfred Seitz: Kybernetik. S.1915-16 in: H.D.Betz, u.a. (Hg):
Religion in Geschichte und Gegenwart. Bd.4, I-K. Tuebingen, 2001.
(4.Aufl.)
(2) Manfred Seitz: Kybernetik.... S.1915
(3) Siehe bei: Manfred Seitz..... S.1915
(4) A.D.Mueller: Grundriss der Praktischen Theologie. 1950. S.67-122
(5) zitiert von Johannes Hanselmann: Zur Relevanz des Themas. Grusswort
zur Eroeffnung der Tagung. S.7-10 in: W.Borgmann, J.Hanselmann:
Herausforderung durch die Kybernetik. Ein Beitrag zum Problem Kybernetik
und Geisteswissenschaft. Trier, 1970, S.7f.
(6) E.Winkler, G.Kretschmar: Der Aufbau der Kirche zum Dienst. S.33-227
in: H.Ammer, u.a.(Hg): Handbuch der Praktischen Theologie. Bd.1, 1975.
(7) Siehe bei: Manfred Seitz: Kybernetik.... S.1915f.
(8) R.Weth (Hg): Diskussion zur Theologie des Gemeindeaufbaus. 1986.
(9) Manfred Seitz... S.1916
(10) siehe bei Johannes Hanselmann... S.9
(11) Felix von Cube: Grundbegriffe und Anwendung der Kybernetik. S.11-27
in: W.Borgmann, J.Hanselmann (Hg): Herausforderung durch die Kybernetik.
Trier, 1970
(12) Felix von Cube... S.11
(13) Felix von Cube... S.11
(14) Felix von Cube... S.19
(15) Felix von Cube... S.20
(16) Noren Herzfeld: Kybernetik. S.1913-14 in: H.D.Betz, u.a. (Hg):
Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwoerterbuch fuer Theologie und
Religionswissenschaft. Bd.4, I-K. Tuebingen, 2001. S.1913
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Architektur und Kybernetik / 2

"Rainer Schaub"
2003-09-17 18:16:14

Hallo Karl,
Karl-Ludwig Diehl, Ackerstrasse 4, 53179 Bonn
[...]
mal etwas weniger trockenes :-)

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,265999,00.html

MfG R.SChaub