Karl-Ludwig Diehl, Ackerstrasse 4, 53179 Bonn
Architektur und Kybernetik / 3
Die Meinung, Norbert Wiener habe mit seiner Schrift "Cynernetics or
control and communication in the animal and the machine" 1948 die
Kybernetik begruendet, und er sei damit der "Vater der Kybernetik",
musste rasch auf Widerstand stossen, obwohl "dessen Brillanz und Genie
jeden begeistert" hatte, "der mit seiner Arbeit in Beruehrung"
kam "oder
ihn gar selbst erlebt hat". (1)
Er wird zwar "als einer der geistreichsten und wirkungsvollsten
Wegbereiter der Kybernetik" angesehen (2), aber er ist nach Meinung von
Rolf Lohberg und Theo Lutz "eindeutig nicht ihr Erfinder" (3). Sie
werten seine Schrift von 1948 als "bahnbrechend", sagen aber:
"dieses
Werk ist heute mehr historisch als sachlich interessant." (4) Und fuegen
hinzu: "Doch seine Aussage, dass er die Kybernetik erfunden habe...,
diese Aussage ist ungerecht gegenueber den Wissenschaftlern, die vor
Wiener, zu Wieners Zeit und mit Wiener dieser Disziplin das Gesicht
gegeben haben." (5)
Lohberg und Lutz plaudern in ihrem lustigen Buch "Keiner weiss, was
Kybernetik ist" darueber,
"wie von ueberallher, aus allen Richtungen und in ganz verschiedenen
Jahrhunderten, Erkenntnisse zusammenkamen, die sich schliesslich zu dem
verdichteten, was wir heute "Kybernetik" nennen." (6) Sie zeigen
natuerlich auf, dass das Wort Kybernetik eine griechische Herkunft hat,
gehen aber direkt danach dazu ueber, auf James Watt und seine von ihm
erfundene, erste brauchbare Dampfmaschine zu verweisen. Die Schwaeche
der Maschine war wohl die Regulierung des Dampfdrucks, die manuell
vorzunehmen war, wenn der Kolben zu schnell lief. Schliesslich erfand
Watt: "Im Jahre 1769 den ersten automatischen Regler der
Weltgeschichte"
(7), so Lohberg und Lutz. Es handelte sich um eine Vorrichtung, bei der
zwei Metallgewichte mit Hebeln an einer senkrechten Stange montiert
waren, die durch das Schwungrad der Dampfmaschine in Rotation gebracht
wurden. Bei zu schneller Drehung der Metallgewichte wurde das
Drosselventil durch die Zentrifugalkraft automatisch so gesteuert, dass
die Dampfzufuhr geringer wurde. Drehten sich die Gewichte zu langsam,
oeffnete sich das Dampfventil wieder. Den Wattschen Regler nannte man
"Governor". Bis zum Wort Kybernetik ist es dann nicht mehr weit.
Dieses
fuehrte ausgerechnet der franzoesische Physiker Ampere 1834 in "eine
Wissenschaft von den Verfahrensweisen der Regierungen" ein und nannte
die Aufgabe dieser Wissenschaft "das Ansteuern bestimmter politischer
Ziele", wofuer er mit das Wort "cybernetique" einsetzte, um
diese Arbeit
zu umschreiben. (8)
Es war dann Hermann Schmidt, ein deutscher Techniker, der 1941 schrieb:
"Ueber technische Regelungsaufgaben hinaus finden wir die Regelung in
der Pflanze, beim Tier und beim Menschen. Diese wesentliche
Unveraenderlichkeit der Temperatur des menschlichen Koerpers, des
Blutdrucks, der Pulsfrequenz, das Aufrechtstehen und Gehen und viele
andere Groessen sind ein Ergebnis von Regelungsvorgaengen. Auch der
Staat kann hinsichtlich mancher seiner Aeusserungen schematisch als
Regler des freien Kraeftespiels angesehen werden. Damit aber schicken
wir uns an, den wichtigsten Beitrag zur Einheit unserer Wissenschaften
im Ganzen unseres Kulturbewusstseins zu leisten...." (9) Schmidt hatte
bereits das ins Auge gefasst, um was es dem Forscherkreis ging, dem sich
Norbert Wiener in den USA angeschlossen hatte und mit dem er zur der
Kybernetik gelangte, die ihm zugeschrieben wird. In einem kurzen Anhang
zur zweiten deutschen Ausgabe des legendaeren Textes von Norbert Wiener
fasst Hans Schaefer die Fragestellung nochmals zusammen: "Was
kennzeichnet biologische im Gegensatz zu technischen Regelvorgaengen ?"
Er schreibt: "Waehrend die Kybernetik in der Technik eine produktive
Funktion uebernimmt, dient sie in der Biologie der Erklaerung." (10)
Somit rundet sich langsam ab, wie es zur Kybernetik kam und was sie in
der Technik leisten soll, und es wird mich nicht wundern, wenn noch
viele andere Stationen ihrer Entstehung als wissenschaftliche Disziplin
der einen oder anderen Ausrichtung deutlich werden. Was wir noch nicht
wissen, ist, seit wann Kybernetik fuer die Architektur herangezogen
wird. Hier gibt es ein weites Feld offener Fragen, vor allen Dingen
haeufen sich diese Fragen deswegen, weil das Thema historisch angegangen
wird. Das bedarf vieler Recherchen bis sich ein Bild von den
Zusammenhaengen einstellt. Von der Baustoffproduktion bis zur Gestaltung
und Fertigung von Bauteilen und vorgefertigten Haeusern wird Kybernetik
ab irgendeinem Zeitpunkt herangezogen worden sein, ebenso bei der
Ausarbeitung von Zeichnungen, der Berechnung von Tragwerken, der
Organisation von Baustellenablaeufen, der baugeschichtlichen
Bestandsaufnahme und bei vielen anderen Aufgabenstellungen rund um die
Architektur und den Staedtebau. Doch dazu spaeter.
Karl-Ludwig Diehl
Anmerkungen:
(1) - (4) Rolf Lohberg, Theo Lutz: Keiner weiss, was Kybernetik ist.
Koeln, 1990. S.130
(5) Rolf Lohberg, Theo Lutz.... S.131
(6) Rolf Lohberg, Theo Lutz.... S.68
(7) Rolf Lohberg, Theo Lutz.... S.69
(8) siehe bei: Rolf Lohberg, Theo Lutz.... S.70
(9) zitiert bei: Rolf Lohberg, Theo Lutz.... S.70f.
(10) Hans Schaefer: Was kennzeichnet biologische im Gegensatz zu
technischen Regelvorgaengen? S.243-247 in: Norbert Wiener: Kybernetik.
Regelung und Nachrichtenuebertragung in Lebewesen und Maschine.
Muenchen, 1968. S.243
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Architektur und Kybernetik / 3
2003-09-17 22:03:27