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Hamburg: Räumung einer Bauwagensiedlung und Folgen des Protestes

Hamburg: Räumung einer Bauwagensiedlung und Folgen des Protestes

Juergen Klein
2006-11-25 17:51:38

Hallo Karl-Ludwig Diehl ,

>>Und das machst Du an der Winkelstellung fest?
>
> Ja, weil selbst bei Jugendstilbauten die Grundrisse
> sehr rechtwinklig und unachtsam dahergeschludert
> sein können: Rechtwinklerei = ohne großartige Überlegung planen,
> schludern.

Aha, langsam verstehe ich was Du meinst. Das am Winkel
festzumachen, finde ich halt mißverständlich.

> Es kann optimierte Grundrisse geben, sogar perfekteste
> Ausrichtung der Gebäude auf Sonnenverlauf, usw.
> aber das Gebäude unansehnlich gestaltet sein und
> der Stadtteil völlig abwechslungslos und monoton im
> Aussehen. Übrigens kann sich der Eindruck mit der
> Zeit durchaus verändern, also was einmal wertvoll schien,
> ist es plötzlich nicht mehr, und umgekehrt.

Das liegt auch im Auge des Betrachters bzw. des Bewohners.
Wer z.B. einen Krieg miterlebt hat, dürfte sich in einem "tristen"
Betonblock mit Zentralheizung wie ein König fühlen.

Jemand anders muß aus seiner Villa raus in ein 250 m2 Loft
und bekommt dort Platzangst...

> Nun, ich hatte mich mit Plattenbauten verschiedener sozialistischer
> Länder beschäftigt, als sie in den Baufachzeitschriften erschienen.
> Sie gefielen mir sogar zeitweise. Mir fiel dann aber, als ich
> in der Sowjetunion lebte, auf, was das eigentlich als Stadtstruktur
> solcher Bauten bedeutete: es war funktionalistischer Städtebau,
> ausgerichtet auf Mobilität mit dem Auto, leicht zu kontrollieren
> und einfach nur Schlafstadt.

Ja, das ist aber eine andere Sache. Wenn zu sehr verdichtet gebaut
wird, kann die Bautechnik bzw. der Baustil das auch nicht mehr rausreißen.

Von der Entwicklung her gibt es wohl kaum ein anderes Bauwerk, in dem
mehr Ingenieurstunden reingesteckt wurden zur Konstruktion und Optimierung
über mehrere Ratiostufen hinweg. Jedenfalls im Wohnungsbaubereich.

Ein Architektenhaus ist dagegen eine hastig zusammengestoppelte Bastelbude.

Daß meißt ein bescheidenes Ergebnis dabei herauskam, ist auch der Mangel-
wirtschaft zu verdanken, der zu dichten Bauweise und dem Reinregieren von
ignoranten Parteifunktionären.

Schade, man hätte da mehr draus machen können.

> Die Kinder waren in den Kisten
> neben den Plattenbauten tagsüber betreut.

War das in den Jugendstilbauten der Gründerzeit besser?
Zille läßt grüßen.

> Auf Dauer schien mir das kaum erträglich.

Ansichtssache. Russische Trabantenstädte sind mir kein Begriff, aber
in den hiesigen Plattenbauquartieren sieht die Sache dank großzügigem
Rückbau, Entsiegelung der Flächen und Nutzergerechter Sanierung doch
etwas anders aus.

Hinzu kommt, daß bei unseren Plattenbausiedlungen meißt noch eine alte
Kiesgrube in der Nähe ist, die mittlerweile zum Badesee umfunktioniert
wurde. Verkehrsanbindung und Infrastruktur ist meißt auch ganz gut, außerdem
keine Durchgangsstraßen, also relativ ruhig.

Kön Chorweiler kenne ich aus den frühen 80ern. Oder Billstedt. Das ist
eine andere Sache, da gebe ich Dir recht.

> Da war es Erholung, mit Bekannten zu
> einer Datsche fahren zu können, oder wieder im altstädtischen
> Stadtraum zu flanieren. Liegt in den Rechtwinklereien der
> Fortschritt begraben? Eine Zeit lang konnte diese Art zu
> bauen fortschrittlich erlebt werden, dann empfand man diesen
> Städtebau als Rückschritt.

Was haben wir heute dagegen vorzuweisen?

Haben wir überhaupt noch einen zeitgenössischen Baustil?

STO-Beige-Trocal-Edelstahl-Granit-FSB-Türklinken Stil...

>>Ich wage zu behaupten, daß Du Dich weder mit Plattenbauten bzw. deren
>>Sanierung befaßt hast und schon garnicht mit den Leuten, die darin früher
>>und heute durchaus zufrieden leben.
>
> Nun, der Kram war Teil meines Architekturstudiums und des
> Urbanismus-Studiums. Dieses Ideengut war einmal
> vorherrschend, weltweit. Funktionalismus nannte man das.

Und das wohl völlig wertfrei.

>>Das kann man ja auch nicht voraussetzen. Aber dann unterlasse bitte solche
>>Plattitüden, das steht Dir meiner Ansicht nach nicht an.
>
> Plattitüden?
>
> Ich glaube, du weißt nicht, wovon Du schreibst.

Doch, das schon. Aber aus einer anderen Sichtweise als Du. Manches kommt
textlich auch nicht immer so rüber, wie man es meint.

Wenn Du mal in Leipzig bist, dann sie Dir mal Grünau an. Dann reden wir
weiter.

--
Jürgen


Hamburg: Räumung einer Bauwagensiedlung und Folgen des Protestes

"Karl-Ludwig Diehl"
2006-11-25 09:30:53

Juergen Klein schrieb:
> >>Und das machst Du an der Winkelstellung fest?
> > Ja, weil selbst bei Jugendstilbauten die Grundrisse
> > sehr rechtwinklig und unachtsam dahergeschludert
> > sein k


Hamburg: Räumung einer Bauwagensiedlung und Folgen des Protestes

Juergen Klein
2006-11-26 22:06:24

Hallo Karl-Ludwig Diehl ,

>>Aha, langsam verstehe ich was Du meinst. Das am Winkel
>>festzumachen, finde ich halt mißverständlich.
>
> Du findest solche Abwertungsstrukturen natürlich mit
> geometrischen Begriffe auch als Gegenwelt: z.B. krumme
> Touren, um etwas einen Bogen machen, usw.
> Daß darüber die Gerade und die Rechtwinkligkeit positiver
> aufscheinen sollen, nimmt man dabei in Kauf. Ein weites
> Feld, in dem im Wortgut nachgesucht werden kann.

Gedankengänge hast Du ...

>>Das liegt auch im Auge des Betrachters bzw. des Bewohners.
>>Wer z.B. einen Krieg miterlebt hat, dürfte sich in einem "tristen"
>>Betonblock mit Zentralheizung wie ein König fühlen.
>
> Das traf sicherlich für die Nachkriegszeit des 2.Weltkrieges
> zu.

Naja, so weit muß man ja garnicht zurückblicken. Mir ging es aber
hier eigentlich eher um die Relativität der Werte und Ansprüche.

Es ist durchaus nicht so, daß alle bzw. der überwiegende Teil der
Betonburgenbewohner unglücklich ist. Ebenso wie das Bewohnen
eines Architekturdenkmals den Menschen nicht zwangsläufig
glücklicher macht.

>>>Nun, ich hatte mich mit Plattenbauten verschiedener sozialistischer
>>>Länder beschäftigt /./ usw.
>>
>>Ja, das ist aber eine andere Sache. Wenn zu sehr verdichtet gebaut
>>wird, kann die Bautechnik bzw. der Baustil das auch nicht mehr rausreißen.
>>Von der Entwicklung her gibt es wohl kaum ein anderes Bauwerk, in dem
>>mehr Ingenieurstunden reingesteckt wurden zur Konstruktion und Optimierung
>>über mehrere Ratiostufen hinweg. Jedenfalls im Wohnungsbaubereich.
>
> Müßte man genauer darlegen.

Es gibt dazu eine interessante Schriftenreihe des Bundesbauministeriums.
Dort
sind alle wesentlichen Konstruktionsunterlagen übersichtlich
zusammengestellt und
verständlich erläutert.

Ein großes Probem waren halt die Fugenausbildungen. Heute ist sowas kein
Problem mehr. Würde man das WBS 70 Projekt mit heutigen Möglichkeiten
weiterführen, könnte man ordentliche Familienwohnungen zu einem
unschlagbaren
Preis herstellen. Die daraus resultierende finanzielle Entlastung von
Familien ist
schließlich auch eine Form von Lebensqualität.

Aber heute fehlt es ja weniger an Edelstahl für die Wetterschalenanker als
vielmehr an Familien mit Kindern ...

>>Daß meißt ein bescheidenes Ergebnis dabei herauskam, ist auch der Mangel-
>>wirtschaft zu verdanken, der zu dichten Bauweise und dem Reinregieren von
>>ignoranten Parteifunktionären.
>
> Das ist denkbar.

Das war so. Da wurde schnell mal der Wasserzementwert oder der
Stahlverbrauch
je Wohnung schrittweise reduziert.

Wobei ich nicht behaupten möchte, daß nicht auch heute Leute
hineinkäsen, die
sich besser heraushalten sollten.

Homo Contolleriensis :-)

>>>Die Kinder waren in den Kisten
>>>neben den Plattenbauten tagsüber betreut.
>>
>>War das in den Jugendstilbauten der Gründerzeit besser?
>>Zille läßt grüßen.
>
> Kommt immer drauf an, für wen besser. :-)

Die Renditen auf Wohnhäuser waren zu dieser Zeit sicher höher als heute.

>>/./ Russische Trabantenstädte sind mir kein Begriff, aber
>>in den hiesigen Plattenbauquartieren sieht die Sache dank großzügigem
>>Rückbau, Entsiegelung der Flächen und Nutzergerechter Sanierung doch
>>etwas anders aus.
>
> Inzwischen kann das vielleicht qualitativ als Steigerung
> empfunden werden.

Ich glaube nicht, daß die Häuser das eigentliche Problem sind.

Die Leute haben keine Arbeit und keine Perspektive. Und eine Bewerbung mit
Absender aus K-Chorweiler, HH-Billstedt, DD-Prohlis etc. landet sowieso
ungelesen
in der Rundablage.

Mit einer guten Perspektive lebte man hingegen auch in Behelfsbauten der
Nach-
kriegsjahre durchaus glücklich, habe ich mir sagen lassen.

--
Jürgen


Hamburg: Räumung einer Bauwagensiedlung und Folgen des Protestes

"Karl-Ludwig Diehl"
2006-11-27 01:41:15

Juergen Klein schrieb:
> Hallo Karl-Ludwig Diehl ,
> >>Aha, langsam verstehe ich was Du meinst. Das am Winkel
> >>festzumachen, finde ich halt mi