In der letzten Zeit berichten Kolleginnen und Kollegen aus der
Bauabwicklung größerer Projekte immer öfter, wie Auftragnehmer
aus
wirklichen oder auch nur vermeintlichen "Störungen", sei es im
Vergabe-
oder im Bauprozess, unter Einschaltung von Gutachtern und Juristen
immense Mehraufwendungen oder Kostensteigerungen anmelden, nachzuweisen
versuchen und letztlich juristisch durchsetzen. Oft scheinen massenhafte
Vergabebeschwerden oder an den Haaren herbeigezogene tägliche
Behinderungstatbestände (beliebt: Mehrere unterschiedliche Behinderungen
völlig zeitgleich) nur ein Ziel zu haben: "Semper aliquid
heret".
In einigen Fällen scheint es auf Auftraggeberseite aber auch um Bauherrn
zu gehen, die mit genau so großer Energie erst die vollständige
Abnahme
und dann die vollständige Bezahlung verweigern und dabei den Architekten
/ Bauleiter als willfährigen Gehilfen an ihrer Seite wähnen. Diese
wiederum fühlen sich von energisch auftretenden Anwälten des
Auftraggebers in diese Situation lediglich "gepresst", trauen sich
aber
nicht Widerstand zu leisten.
Dabei scheinen zwei krasse Missverhältnisse immer wieder aufzutreten:
- Das von personellem Einsatz bei der eigentlichen Bauleistung gegenüber
dem beim Erstreiten von Mehr-Zahlungen.
- Das der eingeforderten "Zusatzzahlungen" gegenüber dem
vereinbarten
Auftragsvolumen.
Ist die von mir beobachtete Häufung solcher sich wiederholender
Abläufe
nur Zufall oder doch Indiz für eine massive "Verwilderung" des
finanziellen Rahmens der "Baukultur"? Ist das "Bauwesen" in
den letzten
Jahren insgesamt so geworden oder geht es nur bei großen Projekten und
viel Geld so hart zur Sache?
Mit schöngeistiger "Baukultur" im Sinne der
Architekturtheoretiker hat
das jedenfalls nichts mehr zu tun.
Wolfgang
Architektur
Baukultur oder: =?ISO-8859-15?"gestörte Bauabläufe" =?ISO-8859-15?als Mittel zur Profitsteigerung
Baukultur oder: =?ISO-8859-15?"gestörte Bauabläufe" =?ISO-8859-15?als Mittel zur Profitsteigerung
Wolfgang Thiessen schrieb:
> Dabei scheinen zwei krasse Missverhältnisse immer wieder aufzutreten:
>
> - Das von personellem Einsatz bei der eigentlichen Bauleistung
gegenüber
> dem beim Erstreiten von Mehr-Zahlungen.
>
> - Das der eingeforderten "Zusatzzahlungen" gegenüber dem
vereinbarten
> Auftragsvolumen.
>
> Ist die von mir beobachtete Häufung solcher sich wiederholender
Abläufe
> nur Zufall oder doch Indiz für eine massive "Verwilderung"
des
> finanziellen Rahmens der "Baukultur"? Ist das
"Bauwesen" in den letzten
> Jahren insgesamt so geworden oder geht es nur bei großen Projekten
und
> viel Geld so hart zur Sache?
Das ist bei kleinen Projekten im Prinzip genau so und hängt sicherlich
auch damit zusammen, dass die überwiegende Zahl der kleinen Büros
kein
ausreichendes Controlling betreibt, sondern mit dem Tagesgeschäft
ausgelastet ist. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls die BAK in einer
repräsentativen Befragung, die im Architektenblatt dokumentiert ist. Wir
haben in D die höchste Architektendichte Europas und ein schrumpfendes
Bauvolumen, das zum größten Teil in der Hand derjenigen ist, die
sich
mit ihrem Namen als Marke etablieren konnten. Für die große Zahl der
übrigen wird es immer schwieriger, in den angestammten Berufsfeldern als
Generalisten zu überleben und der Trend geht dahin, dass Spezialisten
die Nase vorn haben, wenn sie sich untereinander zu leistungsfähigen
Kooperationspartnerschaften zusammenschließen.
Die von dir beschriebenen Probleme treffen Architekten besonders dann,
wenn sie als Generalplaner tätig sind, und auch dahin geht der Trend bei
Bauherren, nämlich die Leistungen als Komplettpaket aus einer Hand zu
beziehen. Wir haben das schon in den 90ern erlebt, dass dann auch die
Fachplaner Mitarbeiter gänzlich darauf abstellen, nur noch
Behinderungsschreiben zu verfassen. Es fällt auf, dass in letzter Zeit
häufig Psychologen und Kommunikationswissenschaftler in den
Fachzeitschriften dazu zu Wort kommen. Nach (meiner) Einschätzung
bleiben deren Ratschläge aber viel zu sehr an der Oberfläche weil
diese
Leute nichts vom Planungs- und Bauprozess verstehen, und ich denke, dass
Architekten sich auch in diesem Bereich Spezialkompetenzen aneignen
sollten, um die "Problemzonen" selbst abdecken zu können.
Fazit: Veränderungen sind angesagt.
Marianne
Baukultur oder: =?ISO-8859-15?"gestörte Bauabläufe" =?ISO-8859-15?als Mittel zur Profitsteigerung
Marianne Bloss schrieb:
> Das ist bei kleinen Projekten im Prinzip genau so und hängt
sicherlich
> auch damit zusammen, dass die überwiegende Zahl der kleinen
Büros kein
> ausreichendes Controlling betreibt, sondern mit dem Tagesgeschäft
> ausgelastet ist. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls die BAK in einer
> repräsentativen Befragung, die im Architektenblatt dokumentiert ist.
Wir
> haben in D die höchste Architektendichte Europas und ein
schrumpfendes
> Bauvolumen, das zum größten Teil in der Hand derjenigen ist,
die sich
> mit ihrem Namen als Marke etablieren konnten. Für die große
Zahl der
> übrigen wird es immer schwieriger, in den angestammten Berufsfeldern
als
> Generalisten zu überleben und der Trend geht dahin, dass Spezialisten
> die Nase vorn haben, wenn sie sich untereinander zu leistungsfähigen
> Kooperationspartnerschaften zusammenschließen.
Meine Beobachtungen zur "verwildernden Projektkultur" stammen
ausschließlich aus Projektgrößenordnungen ab 10 Mio Euro
aufwärts
überall in D und im Rahmen deutschen Vertragsrechts im europäischen
Ausland.
Ich sehe die aus der Problematik resultierende Hauptlast aber vor allem
von Seite der Auftragnehmer stammen. Ärgerlicherweise bindet diese
mittlerweile einen deutlichen Teil der Arbeitskraft in den LP 6 bis 8,
und zwar soviel, dass dies in den bisher üblichen Budgetansätzen
nicht
mehr leistbar ist.
> Die von dir beschriebenen Probleme treffen Architekten besonders dann,
> wenn sie als Generalplaner tätig sind, und auch dahin geht der Trend
bei
> Bauherren, nämlich die Leistungen als Komplettpaket aus einer Hand zu
> beziehen.
Ja, stimmt. Praktisch alle Kollegen, auf die ich mich hier beziehe,
haben jeweils GP-Verträge.
> Wir haben das schon in den 90ern erlebt, dass dann auch die
> Fachplaner Mitarbeiter gänzlich darauf abstellen, nur noch
> Behinderungsschreiben zu verfassen. Es fällt auf, dass in letzter
Zeit
> häufig Psychologen und Kommunikationswissenschaftler in den
> Fachzeitschriften dazu zu Wort kommen. Nach (meiner) Einschätzung
> bleiben deren Ratschläge aber viel zu sehr an der Oberfläche
weil diese
> Leute nichts vom Planungs- und Bauprozess verstehen, und ich denke, dass
> Architekten sich auch in diesem Bereich Spezialkompetenzen aneignen
> sollten, um die "Problemzonen" selbst abdecken zu können.
Die Kammer NRW bot vor kurzen "Mediatoren"-Kurse an. Mir scheinen
eher
"Selbstverteidigungskurse" oder "Strategiekurse" geboten.
> Fazit: Veränderungen sind angesagt.
An welche außer besserem Controlling denkst Du?
Wolfgang
Baukultur oder: =?ISO-8859-15?"gestörte Bauabläufe" =?ISO-8859-15?als Mittel zur Profitsteigerung
Wolfgang Thiessen schrieb:
> Ich sehe die aus der Problematik resultierende Hauptlast aber vor allem
> von Seite der Auftragnehmer stammen. Ärgerlicherweise bindet diese
> mittlerweile einen deutlichen Teil der Arbeitskraft in den LP 6 bis 8,
> und zwar soviel, dass dies in den bisher üblichen Budgetansätzen
nicht
> mehr leistbar ist.
Wer kreativ und innovativ entwerfen und konstruieren will, hat in der
Abwicklung naturgemäß größere Unwägbarkeiten zu
bewältigen, als
diejenigen, die sich auf bewährte Standarddetails beschränken und
diese
Linie in allen Projekten durchhalten, die habens leichter. Die
Konsequenz daraus könnte so aussehen, dass man für die
Auseinandersetzungen eben spezialisierte Mitarbeiter braucht, wie in
anderen Arbeitsbereichen (z.B. Visualisierung) auch. Die Kosten hierfür
hereinzubekommen gehört zu den zusätzlichen Mühen, die
ehrgeizige
Lösungsansätze mit sich bringen. Das ist natürlich leichter
gesagt als
getan.
> Die Kammer NRW bot vor kurzen "Mediatoren"-Kurse an. Mir
scheinen eher
> "Selbstverteidigungskurse" oder "Strategiekurse"
geboten.
Die Byak auch, und dieses Seminar kostet ein Schweinegeld (> 6000 Euro).
Daraus darf man sicher ableiten, welches Potential in dieser
Spezialisierung steckt..
>> Fazit: Veränderungen sind angesagt.
>
> An welche außer besserem Controlling denkst Du?
Das muss jeder für seine Situation selbst entwickeln. Ich, für mein
Teil, erarbeite mir derzeit einige betriebswirtschaftliche
Grundkenntnisse, um mit Steuerberater und Kaufleuten hoffentlich auf
Augenhöhe verhandeln zu können. Nur im eigenen Saft zu schmoren kann
ich
mir nicht leisten ;-)
Marianne
Baukultur oder: =?ISO-8859-15?"gestörte Bauabläufe" =?ISO-8859-15?als Mittel zur Profitsteigerung
Marianne Bloss schrieb:
> Wer kreativ und innovativ entwerfen und konstruieren will, hat in der
> Abwicklung naturgemäß größere Unwägbarkeiten zu
bewältigen, als
> diejenigen, die sich auf bewährte Standarddetails beschränken
und diese
> Linie in allen Projekten durchhalten, die habens leichter. Die
> Konsequenz daraus könnte so aussehen, dass man für die
> Auseinandersetzungen eben spezialisierte Mitarbeiter braucht, wie in
> anderen Arbeitsbereichen (z.B. Visualisierung) auch. Die Kosten
hierfür
> hereinzubekommen gehört zu den zusätzlichen Mühen, die
ehrgeizige
> Lösungsansätze mit sich bringen. Das ist natürlich leichter
gesagt als
> getan.
Die mir bekannten größeren und großen als GP tätigen
Büros arbeiten
intern durchweg arbeitsteilig, je nach Größe mind. gegliedert in die
LP
1-3, 4-5, 6-8, 9. Selbst innerhalb dieser Abschnitte wird dann oft
weiter aufgeteilt, bspw. in Visualisierer, Modellbauer, Kostenrechner,
Detailplaner für Fassaden, Ausbau, Möbel, Ausschreiber, Bauleiter,
Abrechner etc. Bei ausreichender Projektgröße ist die entsprechende
Budgetverteilung in diesen Büros Alltagsgeschäft. Neu zu entwickeln
scheint sich aber auf AN-Seite ein immer aggressiveres Claim-Management,
dessen Abwehr innerhalb gestalterisch anspruchsvoller GP-Büros bisher
nicht systematisch vorbereitet und begleitet wurde. Das kann bei
professioneller Bearbeitung dann aber gewaltige Löcher ins Honorarbudget
des GP reißen.
>> Die Kammer NRW bot vor kurzen "Mediatoren"-Kurse an. Mir
scheinen eher
>> "Selbstverteidigungskurse" oder "Strategiekurse"
geboten.
>
> Die Byak auch, und dieses Seminar kostet ein Schweinegeld (> 6000
Euro).
> Daraus darf man sicher ableiten, welches Potential in dieser
> Spezialisierung steckt..
Oder wie eng die bisherige wirtschaftliche Nische für die Teilnehmer
geworden ist, wenn sie bereit sind, soviel Geld für die Verbesserung
ihrer Marktchancen aufzuwenden.
>>> Fazit: Veränderungen sind angesagt.
>> An welche außer besserem Controlling denkst Du?
>
> Das muss jeder für seine Situation selbst entwickeln. Ich, für
mein
> Teil, erarbeite mir derzeit einige betriebswirtschaftliche
> Grundkenntnisse, um mit Steuerberater und Kaufleuten hoffentlich auf
> Augenhöhe verhandeln zu können. Nur im eigenen Saft zu schmoren
kann ich
> mir nicht leisten ;-)
Deine Analysen zum Thema vermitteln den Eindruck, dass Du Dich schon
intensiver mit den Strukturen und Controlling größerer Projekte oder
Büros beschäftigt hast oder dies momentan tust. Ist das Dein
angestrebtes neues Betätigungsfeld?
Wolfgang
Baukultur oder: =?ISO-8859-15?"gestörte Bauabläufe" =?ISO-8859-15?als Mittel zur Profitsteigerung
Wolfgang Thiessen wrote:
> Die Kammer NRW bot vor kurzen "Mediatoren"-Kurse an. Mir
scheinen eher
> "Selbstverteidigungskurse" oder "Strategiekurse"
geboten.
z.B. sowas? http://www.tae.de/pdf/32475.00.003.pdf
<zitat>
Sie lernen, wie Sie die Bauprojektergebnisse verbessern,indem Sie die
Störungen minimieren sowie Mehrkosten und
Schadensersatzansprüche gegenüber
dem Verursacher geltend machen und durchsetzen können. Sie
erwerben
folgende Kenntnisse und Fertigkeiten:
- Erkennen von Behinderungen und Verzögerungen
- Bewerten von Planungs- und Leistungsänderungen
- Bewerten und Dokumentieren von Bauablaufstörungen
- Ermitteln von Bauzeitverlängerungen
- Berechnen von Mehrkosten und Schadensersatzansprüchen
- Beurteilen von BeschleunigungsmaÃźnahmen
</zitat>
wo immer ein Problem mehr als 3x vorkommt, erscheint im Kielwasser alsbald
mindestens ein Fachbuch, werden spezielle Seminare angeboten und dann eine
Zeitschriftenreihe aus der Taufe gehoben
alles nützlich + wichtig, gewiss
allerdings scheint mir das Leben zu kurz, um es freiwillig mit sowas
zuzumüllen
Thomas
Baukultur oder: =?ISO-8859-15?"gestörte Bauabläufe" =?ISO-8859-15?als Mittel zur Profitsteigerung
Thomas Graser schrieb:
>> Die Kammer NRW bot vor kurzen "Mediatoren"-Kurse an. Mir
scheinen eher
>> "Selbstverteidigungskurse" oder "Strategiekurse"
geboten.
>
> z.B. sowas? http://www.tae.de/pdf/32475.00.003.pdf
> <zitat>
> Sie lernen, wie Sie die Bauprojektergebnisse verbessern,indem Sie die
> Störungen minimieren sowie Mehrkosten und
Schadensersatzansprüche gegenüber
> dem Verursacher geltend machen und durchsetzen können. Sie
erwerben
> folgende Kenntnisse und Fertigkeiten:
>
> - Erkennen von Behinderungen und Verzögerungen
> - Bewerten von Planungs- und Leistungsänderungen
> - Bewerten und Dokumentieren von Bauablaufstörungen
> - Ermitteln von Bauzeitverlängerungen
> - Berechnen von Mehrkosten und Schadensersatzansprüchen
> - Beurteilen von BeschleunigungsmaÃźnahmen
> </zitat>
Genau solche Kurse haben offensichtlich jene "Streithanseln" besucht,
die den Bauleitungen und Planern grÃ¶Ãźerer Projekte
neuerdings das Leben
sehr schwer machen.
> wo immer ein Problem mehr als 3x vorkommt, erscheint im Kielwasser alsbald
> mindestens ein Fachbuch, werden spezielle Seminare angeboten und dann eine
> Zeitschriftenreihe aus der Taufe gehoben
>
> alles nützlich + wichtig, gewiss
>
> allerdings scheint mir das Leben zu kurz, um es freiwillig mit sowas
> zuzumüllen
Mir und wohl den allermeisten Kolleginnen und Kollegen auch, aber der
äuÃźere Zwang durch die AN macht die fundierte und
gründliche
Auseinandersetzung mit ihnen und ihren Strategien notwendig, sonst nimmt
der Bauherr erfolgreich den Architekten / Ausschreiber / Bauleiter in
Regress.
Wolfgang
Baukultur oder: =?ISO-8859-15?"gestörte Bauabläufe" =?ISO-8859-15?als Mittel zur Profitsteigerung
Wolfgang Thiessen schrieb:
> Deine Analysen zum Thema vermitteln den Eindruck, dass Du Dich schon
> intensiver mit den Strukturen und Controlling größerer Projekte
oder
> Büros beschäftigt hast oder dies momentan tust. Ist das Dein
> angestrebtes neues Betätigungsfeld?
Derzeit ja, aber was heißt neu...gscheit daherredn war, allgemein
gesagt, schon immer ein beliebtes Tätigkeitsfeld ;-))
Marianne
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