Karl-Ludwig Diehl schrieb vorher:
>On 14 Jan., 21:11, Helga Schulz wrote:
>> Karl-Ludwig Diehl schrieb vorher:
>Nun ja. Also das Berlin von 1934 wird sich vermutlich
>nicht mehr so darstellen wie zuvor.
Naja nu, die allermeisten Häuser am Kaiserdamm sind aus den
Baujahren 1900-1920. Heute noch. Viele Neubauten sind da nicht.
>Das "Etablissemang"
>wird sich am ehesten über eine Tageszeitung auffinden
>lassen.
Ja, sicher. Woanders wird es nicht vermerkt sein.
>> >Da irgendeine Berliner Großbibliothek
>> >einen Sammlungsschwerpunkt der regionalen Baukunst
>> >hatte, müßte auch dort sehr viel zu finden sein.
>> >Man braucht dann nur die Baukunstbücher zur regionalen
>> >Baukunst seit den 1920er Jahren durchsehen.
>> Ja, das ist jedenfalls ein guter Ansatzpunkt.
>
>Ja. Mir fällt der Name ein, glaube ich: Amerika-Gedenk-
>Bibliothek... oder so ähnlich.
Ups, die ist doch schon lange in Kreuzberg?!
Man wird sich aber eh erst neu orientieren müssen, wo welche
Bestände nun sind. Nach 1990 wurde alles zusammengeführt und neu
unterteilt.
>Das ist ja toll. Hier im Westerwald gibt es nicht mal
>zu den Baudenkmälern Veröffentlichungen, nur primitive
>Listen, so knappe Infos zu den Bauten, daß die zwei bis drei
>Zeilen schon eine Peinlichkeit sind.
Naja, üppig finde ich das Angebot vom LDA auch nicht gerade...
>
>> Die dort angezeigte Oberrealschule in Zehlendorf von 1912-13
>> - großes Bild:
>http://www.stadtentwicklung.berlin.de/cgi-bin/hidaweb/bild.pl?bildid=...
>> wirkt auf mich wie eine teilweise Vorwegnahme von
>> 30er-Jahre-Bauten. Auf Biedermeier baut es auch auf, ja - aber
>> Heiterkeit hat es keine, es ist sehr ernst.
>
>Dein Ernst ist die "Berliner Heiterkeit" vermutlich.
Och nö, der Klassizismus von Schinkel & Co. ist schon heiter und
freundlich, finde ich.
>Mir ist das manchmal eine Grausamkeit, wenn ich daran
>denke, was die an Archivalien bereits zu den Bauten in
>der Region zerstört haben. Irgendwie liegt es auch an dem
>Ansatz der Kunstgeschichte mit dem einseitigen Blick
>auf Schlösser, Kirchen, usw.
Kann ich mir nicht wirklich vorstellen, Geschichts- und
Kulturwissenschaft sind doch seit den 70ern dabei, gerade den
Alltag stark ins Blickfeld zu bringen, und damit das Alltägliche
und Profane. Aber schon möglich, daß der Westerwald in dieser
Hinsicht noch unentdeckt ist.
>Um auf die von Dir genannte "Einheitlichkeit"
zurückzukommen:
>es ist mehr Unterschied zwischen den Bauten als auf den
>ersten Blick angenommen wird. Deswegen lohnt es sich,
>die Bauten in ihrer jeweiligen Raffinesse länger zu betrachten.
>Ich kam manchmal aus dem Staunen nicht mehr raus, als
>mir die Besonderheiten jeweils auffielen.
Ja, das Architektenhirn läßt sich halt nicht so einfach
ausschalten.
>Hm, ja. Ich las eben diese Vorgänge zum nassauischen Raum, also
>zu dem Gebiet, das früher Herzogtum Nassau war. Es war mehr
>das Bankwesen, die Parallelwährung der amerikanischen Zigaretten
>und das Problem der Flüchtlingsflut und die grausame Wohnungsnot
>in den Städten zur Darstellung gebracht. Auf die Architektur ging der
>Autor nicht ein, er gab nur Angaben zu dem Umfang der Bauvorhaben,
>die sich jeweils finanzieren liessen.
Ein wichtiger Punkt. Über den Marshallplan kam Geld in die
Westzonen. Wegen des großen ungedeckten Bedarfs an Wohnungen
wurde zunächst der Wohnungsbau ziemlich reglementiert (WIMRE gab
es dafür in den Anfangsjahren der BRD sogar ein eigenes
Ministerium), um die Not möglichst flächendeckend zu lindern.
Was natürlich in gewisser Weise immer noch Kriegswirtschaft war.
>Da die Baugelder an bestimmte Vorgaben gebunden waren, was
>ich zu einem 50er Jahre-Bau hier in Montabaur las, durften nur
>bestimmte Hausgrößen gebaut werden.
Ja, und das blieb auch so im sozialen Wohnungsbau (später dann
bezuschußt).
>Der Bebauungsplan
>legte zudem die Umriße samt Dachneigung ziemlich genau fest.
Ach, das ist interessant.
>Um die Kredite zu bekommen, die sehr limitiert waren im
>Gesamtumfang aufgrund des Kapitalmangels der Banken waren,
>die auch erst wieder in die Gänge zu bringen waren, mußten
>bestimmte Übereinkünfte des Bauherren mit einer Siedlungsent-
>wicklungsgesellschaft getroffen werden. Außerdem war der
>Gesamtumfang der Baumaßnahmen in einer Region auch ein-
>geschränkt. Die richtige Freizügigkeit, und wer sie hatte,
müßte
>eigentlich erst einmal richtiggehend aufgefunden werden. Das
>dürften sich nur einige wenige Leute gegönnt haben können.
Zunächst kaum einer.
Ich bin, wie der Zufall so spielt, gestern ein Stück durch eine
50er-Jahre-Siedlung in Charlottenburg-Nord gelaufen.
Dort sah ich beides, also Wohnhäuser mit verspielt-linearen
Elementen wie ausgezackten, ganz dünnen Flach-Betondächern oder
runden Fenstern, und die Sorte mit dem flachen Satteldach,
ähnlich Max Tauts Beamtensiedlung in Bonn (Bilder davon fanden
sich in Wikipedia). Dann noch ein paar vermutliche
R.A.D.-Wohnblocks, die noch trister waren als die Oberrealschule
in Zehlendorf. Bei einem Haus wußte ich, daß es von 1958 stammt,
es war etwas größer und winkliger, da kündigten sich schon die
60er Jahre an.
Also, ich interpretiere das so, daß so um 1948-1954 noch das
flache Satteldach vorherrschte und eine sehr schlichte Bauweise
mit Ofenheizung. Ich denke, das ist das, was Du vor Augen
hattest, als Du von "Fortsetzung" schriebst. Es ist da nicht so
sehr viel Abstand zu den R.A.D.-Normblocks zu erkennen.
Weiters scheint das, was ich mit "RocknRoll" belegte, so ab
1954 stattgefunden zu haben, also danach, als offenbar mehr Geld
da war und die Restriktionen nicht mehr ganz so arg. Ab 1956
hatten auch die Flüchtlinge wieder etwas Geld in der Hand, viele
Geschäfte eröffneten und die Leute bauten auch privat, nicht mehr
nur die quasistaatlichen Wohnbaugesellschaften. Als "Leitfossil"
54ff. erscheint mir der Balkon. Ein Haus mußte unbedingt Balkon
haben. Das war 48ff. WIMRE noch nicht so, oder jedenfalls nicht
so sehr.
Die 1956 gebauten Häuser meiner Verwandtschaft haben Satteldach.
Und Balkon. Und Fliesen um den Hauseingang.
Satteldach gabs also nach wie vor auch noch, aber eher für die
kleineren Häuser. Das dörfliche Beharrungsvermögen gegen
Flachdächer sollte man auch nicht unterschätzen. Die Berliner
Wohnblocks haben aber ziemlich durchgehend ein flaches Pultdach,
das wie ein Flachdach aussieht von den Breitseiten.
>Behelfe gab es zuhauf. Ich las für Frankfurt und andere
größere
>Städte, daß die Leute zunächst in die Dörfer
verfrachtet wurden,
>weil in den Städten nur Ruinen waren und zuwenig Platz für alle,
>die zuvor hier lebten. Die Nissenhütten gaben auch nur recht
>wenigen Unterkunft. Hinzu kam dann plötzlich noch der
Flüchtlings-
>strom aus den Ostgebieten. Da waren selbst die Dörfer
überfordert.
>Damals entstand das Pendlerdasein. In Massen mußte man in die
>Städte zur Arbeit fahren, abends in den ländlichen Raum wieder
>zurück. So etwas, so ausgeprägt, gab es zuvor nicht. Früher
>zog man in die Städte, lebte provisorisch, bis der Siedlungsbau
>einsetzte. Nach dem Krieg kam das Pendlerdasein so richtig
>in Schwung.
Ja, es gab ja nun VW. Die Motorisierung nahm zu. Erst das
Motorrad, dann das Auto.
Hier in Charlottenburg gibt es in den Kleingartenanlagen noch
geduldete Schwarzbauten aus den 50ern, richtige kleine Häuser.
Mit Autostellplatz, versteht sich.
>Da gibt es noch viele Bauwerke und Siedlungen zu entdecken.
>Ich durchforste jetzt mal weiter. Mal sehen, was sich noch so
>findet.
Jo. Ich habs noch nicht auf Festplatte, aber zu Weihnachten
müßten mir ein paar Bilder vom "Millionenbau" (zu Thema:
"Art
Déco in der Provinz" / "20er Jahre") in Tiengen
geglückt sein,
sowie Bilder von 50er-Jahre-Wohnblocks, die noch Elemente der
30er/40er enthalten (also für dein Interesse an der Kontinuität
von Belang wären). Hoffentlich war ich schneller als die
Dämmerung (hab sie noch nicht angeschaut), denn ich hatte nur
eine halbe Stunde Zeit. Die einzige halbe Stunde in 6 Tagen.
Re: Das Handwerkerhaus im Dritten Reich: das angeordnete gleiche Wohnbedürfnis für alle Handwerker
2008-01-16 23:44:41