Architektur

www.architektur-forum.info
« zurück zur Hauptseite

Gaerten der franzoesischen Revolution / 18

Gaerten der franzoesischen Revolution / 18

Karl-Ludwig Diehl
2003-12-11 13:20:11

K.L.Diehl, Ackerstr. 4, 53179 Bonn - Seaman Ave, New York

Gaerten der franzoesischen Revolution / 18

Stadt und Land Frankreichs waren von den Ideen der Revolution
gleichermassen erfasst worden. Die Natur sollte in die Stadt,
staedtische Kultur auf das Land gebracht werden, um Frankreich zu
republikanisieren, den neuen Menschen zu schaffen, der aus der Natur den
Freiheits- und Gleichheitsgedanken ableitet und bruederlich handelt.

1793 hatte sich in Paris der "Club revolutionnaire des Arts" gebildet,
Einfluss gewonnen und war nach der ersten gemeinsamen Ausstellung
zusammengeblieben, um Ideen voranzutreiben. Ihm gehoerten die Maler
Fragonard und David an, aber auch Politiker der Pariser Kommune. Ihr
Ziel war es, das Land zu veraendern.

Sie wollten Landstrassen zu Alleen machen, auf diesen Wegen Baenke fuer
Wanderer zur Erholung aufstellen lassen. Brunnen sollten zur Zier und
als Trinkwasserquelle zur Verfuegung stehen. Dass die Brunnen als Orte
zur Entfaltung von Kunst und zur Erbauung der Bevoelkerung von Stadt und
Land zu dienen hatten, ergibt sich daraus:

"Auf dem Brunnen sollen moralische und republikanische Inschriften
angebracht werden. Diese zum Nachdenken angebotenen Worte entfalten ihre
Groesse erst mitten im Schauspiel der Natur, angesichts der grossartigen
Bilder, die sie uns bietet." (1) Stiche solcher Brunnen und Statuen fuer
Wege ueber Land haben sich erhalten.

Die Kunst diente als Propagandamittel der Ideen der Revolution. Aber
nicht nur das, es wurde auch darauf abgezielt, die Architektur auf dem
Land zu veraendern:
"<<nuetzliche Modelle>> fuer den Bau ihrer Haeuser und
Wirtschaftsgebaeude" sollten "in allen Provinzstaedten" als Sammlungen
vorhanden sein, um Bauern schulen zu koennen. Der Vorschlag wurde
weitergetrieben zur Idee einer Schule fuer landwirtschaftliche
Architektur, die jedes Departement einrichten sollte. Funque, der diese
Idee vertrat, wollte die Bauern beim Bau der Bauernhaeuser beraten
lassen. (2)

Grancher wiederum zielte darauf ab, Schloesser und Kirchen
niederzureissen, um Baustoffe fuer solide und feuerfeste Behausungen der
Leute auf dem Land zu gewinnen. Es ging ihm darum, "den Bauern wuerdige
Unterkuenfte zu schaffen" (3), an denen es offensichtlich mangelte.

Der Unterrichtsausschuss des Konventes in Paris forderte:
"Kuenstler, untersucht, was je nach klimatischen Bedingungen am
guenstigsten ist fuer das Haus des Landbewohners; sorgt dafuer, dass
Gesundheit und Leben mit der reinen Luft durch die Haeuser stroemen
koennen; (...); sorgt nach Moeglichkeit dafuer, dass sie (die
Bauernhaeuser) nicht mehr mit Stroh gedeckt werden. Gewissenhafte
Umsicht verbietet Strohdaecher, da sie dem zerstoererischen Feuer rasch
Nahrung bieten (...)" (4) Es ging in dem Wettbewerb darum, "bescheidene
Schoenheit" und "nuetzlichen Luxus" zu entfalten, denn die Schloesser
hatten Schieferdaecher und die Bauern nicht, was als verschandelte
Landschaft aufzufassen ist, in der das Bild der Ungleichheit aufzuheben
war. Der Gleichheitsgedanke machte sich hier am Baustoff fest und will
eine neue Landschaft hervorbringen.

Die bei Harten/Harten abgebildeten Plaene fuer Bauernhaeuser, die aus
dem Wettbewerb hervorgegangen sind, folgten unter anderen diesen
Zielsetzungen:
"Die Bauernhaeuser sollen gesund, solide, konfortabel, nuetzlich und
kostenguenstig sein, sie sollen zugleich den Prinzipien einer
republikanischen Moralpaedagogik entsprechen."
Und anderswo:
"In den Behausungen der baeuerlichen Familie soll die Idee der Tugend,
der haeuslichen wie der oeffentlichen, gegenwaertig sein (...)" (5)

Das wollte man so erreichen:

"Moralische Inschriften und die Menschenrechtserklaerung an den Waenden,
getrennte Schlafzimmer fuer die verschiedenen Altersgruppen mit
entsprechenden Inschriften, einen Versammlungsraum fuer haeusliche
Dekadenzeremonien und das <<Familientribunal>> bilden Grundelemente
dieser moralischen Architektur des Landes." (6)

Die Ergebnisse des Wettbewerbes spiegeln das alles wider. Sie hatten
aber nicht die poetische Kraft der Entwuerfe von Ledoux, der nach
Harten/Harten seine baeuerlich-laendliche Welt "als idealisierte
Landschaft eines Naturclub" begriff und in ihr "die Heiterkeit der
Antike" zum Ausdruck brachte. Ledoux, der sich als Royalist mit der
neuen Zeit auseinandersetzte und eine neue Innerlichkeit entfaltete, als
er seine Reformideen zeichnete, entwarf eine "Utopie der Versoehnung von
Stadt und Land", eine Vorausschau, "in der die Stadt zur Gartenstadt
wird" und das Land wiederum "als Urbild eines Gleichklangs von Natur und
Kultur" erschien. (7) Der utopische Sozialismus des 19.Jh. hat diese
schoenen Ideen wieder aufgegriffen und daraus Reformwerke geschaffen,
die im 20.Jh wieder von Bedeutung wurden. Wir sehen hier die Quellen
dieser spaeteren sozialen Bewegungen vor uns.
Karl-Ludwig Diehl

Anmerkungen (auf Nachfrage)
--
Immer auf dem aktuellen Stand mit den Newsgroups von freenet.de:
http://newsgroups.freenet.de