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New York, \tausendkistenfoermig\ / 2

New York, \tausendkistenfoermig\ / 2

Karl-Ludwig Diehl
2003-07-26 17:42:44

Karl-Ludwig Diehl, Ackerstrasse 4, 53179 Bonn

Hallo,

"Wenn ich an New York denke," schrieb Henry Miller, "sehe ich es vor mir
als ungeheure Luege, als Taeuschung, Betrug - als einen Alpdruck." (1)
Er haelt mit seinen Gefuehlen nicht hinter dem Berg, wenn er ueber diese
Stadt schreibt:
"sooft ich von Anhalter-Fahrten ins Hinterland oder von einem
Auslandsaufenthalt dorthin zurueckkehrte, (hat mich) sein blosser
Anblick mit Furcht, Ekel und Verzweiflung erfuellt. Niemals habe ich
Heimweh danach empfunden." (2)
Es passt dazu, wenn Gabriele von Arnim, u.a. klarstellen:
"New York gilt nicht als Stadt fuer Romantiker oder stille Betrachter,
die sich nach Schoenheit sehnen." (3) New York ist anders, auch der
Lebensstil. Anthony Burgess charakterisiert die Geschichte der Stadt so:
"Die Geschichte von New York ist die Geschichte von Immigranten, die mit
Immigranten kaempfen, die aufhoeren mit Immigranten zu kaempfen und
jederzeit bereit sind, den Kampf mit neuen Immigranten aufzunehmen." (4)
Es mag sich daraus dieses bedauerliche Ergebnis eingestellt haben:
"Der groesste Teil von Alt-New York ist inzwischen eingestampft." (5)
Die wenigen Relikte vergangener Zeiten, die an die Anfaenge der Stadt
erinnern, die zunaechst Nieuwe Amsterdam hiess, muss man sich
zusammensuchen. Neben den wenigen erhaltenen Bauten aus der Kolonialzeit
gibt es noch einige andere Hinweise.
Der Broadway mit seiner gewundenen Linienfuehrung erinnert den alten
Indianerpfad, der sich von Nord nach Sued ueber die gesamte Laenge der
Insel Manhattan hinzog und von den Hollaendern Breetweg genannt wurde.
Die Wallstreet verweist auf eine alte Befestigung noerdlich der fruehen
winzigen Ansiedlung der Weissen an der Spitze Manhattans, um sich besser
vor den Uebergriffen der Indianer abzuschirmen. Die Canalstreet
kennzeichnet heute noch den Verlauf eines alten Kanals im Marschgebiet
der Suedspitze der Insel. Er wurde spaeter zugeschuettet. Und weiter
noerdlich von der fruehen Ansiedlung verblieb ein alter Meilenstein in
situ, der angibt, dass es noch 9 Meilen sind bis das Ziel der Reise an
der Suedspitze Manhattans erreicht ist.

Wie fing alles an? Wie kam es zur ersten Ansiedlung der Europaer auf
diesem Fleck Erde der bei uns sogenannten Neuen Welt?
A.von Ende, der so tut, als waere er dabei gewesen, schildert es so:
"Es war im Jahre 1609. Auf der langgestreckten Insel der Mannahattas
herrschte Ruhe und Frieden. Die Eingeborenen fischten am suedlichen
Ufer, wo die beiden Fluesse, die sie vom Festland getrennt haben, in
eine Bai muenden, als am fernen Horizont ein Gegenstand sichtbar wurde,
wie sie noch keinen gesehen: einem riesigen Kanu glich das Ding - wen
sonst konnte es beherbergen, als Manitto, ihren Gott?" (6) Der "bleiche
Fremdling", der sich "in scharlachrotem Prachtgewand" den Indianern in
einem Boot naeherte, entpuppte sich als Mensch, den sie nicht so einfach
verstanden, da er eine andere Sprache sprach.

Die weitere Schilderung von Endes hat einen gewissen Charme, deswegen
sei sie zitiert:
"Ein Diener brachte ihm (dem Kapitaen Hudson, nach dem der Fluss
linkerhand benannt wurde) einen Flaschenkuerbis. Der Herr trank aus
demselben und reichte ihn der Reihe nach den versammelten Rothaeuten.
Diese rochen nur an dem Getraenk und verschmaehten, davon zu kosten, bis
es an einen staemmigen Krieger kam, der das Gefaess auf einen Zug
leerte. Eine Weile spaeter fiel er der Laenge nach zu Boden und versank
in einen totenaehnlichen Schlummer. Als er wieder erwachte, pries er den
unbekannten Trank, meinte, er habe sich nie so gluecklich gefuehlt, wie
nach dem Genusse deselben und erweckte in den anderen den Wunsch, auch
davon zu kosten..." (7)

Diese erste Begegnung mit dem "Feuerwasser", die als Schilderung zu dem
Sagenschatz um die New Yorker Stadtgruendung gehoert, mag den
Kulturschock etwas abgemildert haben, der sich bei der Begegnung der
Eingeborenen mit den Zugereisten eingestellt hatte, aber sie fuehrte
nach von Ende nicht zur Siedlungsgruendung. Diese soll 1612
stattgefunden haben, als ein Schiff nahe der Muendung des Hudson
ankerte, ploetzlich in Flammen aufging und die Schiffbruechigen
genoetigt waren, sich Behausungen an Land zu schaffen. Daraus soll dann
ein Handelsposten geworden sein, und als die Hollaender eine Flotte
hierhin schickten, um das Gebiet fuer sich in Besitz zu nehmen, gelang
es Peter Minuit aus Wesel am Rhein am 4.Mai 1626 im Namen der
hollaendischen Westindischen Gesellschaft, den Indianern fuer einige
Handelsgueter im Werte von 24 Dollar die gesamte Insel Manhattan
abzukaufen. (8)

Na bitte. Billiger war sie nicht zu haben.
Gruesse
K.L.Diehl


Anmerkungen:
(1) - (2) zitiert in: Gabriele von Arnim, Bruni Mayor, u.a.: New York.
Koeln, 1979. S.89
(3) Gabriele von Arnim... S.11
(4) zitiert in: Gabriele von Arnim... S.15
(5) Gabriele von Arnim... S.71
(6) A. von Ende: New York. Berlin, 1909. S.7
(7) A. von Ende... S.7-8
(8) Vgl. A.von Ende... S.9
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